Wie alt seid ihr eigentlich? Habt ihr euch in Anbetracht eures Alters auch schon einmal eure Entwicklung der letzten Jahre betrachtet? Wie war eure Kindheit? Vor allem hinsichtlich eurer Entwicklung? Ein wichtiger und heute oftmals vergessener Punkt ist der Blick auf die technische Entwicklung. Vor allem, weil wir anders aufgewachsen sind als es Menschen heute tun. Die Entwicklung vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen ist daher eine sehr interessante Betrachtungsweise – ganz zeitlos sogar.

Vom-technischen-Kind-zum-technischen-Erwachsenen-scaled Vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen

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Podcast_Badge_Transparent Vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen

Level 1 – das Kleinkind

Als Kleinkind wird man, zumindest wenn man vor 1990 geboren wurde, wenig mit technischen Dingen in Kontakt gekommen sein. Zumindest würde ich das mit meinem Geburtsjahr 1987 so beschreiben und sehen. In dieser Zeit dominierten noch analoge (Spiel-)Geräte die Wohnung. Kuscheltiere, Bauklötze und allgemein Spielzeug für Kleinkinder waren die Regel, ganz ohne dass diese Töne von sich gaben oder in etlichen Farben blinkten. Spielzeug mit Batterien waren eher selten anzutreffen. Eine Puppe, die “Mama” sagte, wenn man sie kippte, war da vielleicht für manches Mädchen der Höhepunkt technischer Erfahrung.

Heute blicken wir hier auf eine komplett andere Angelegenheit.

Schon für Kleinkinder funktioniert vieles digital, blinkt und ist vor allem auch laut: Bücher, welche Geschichten beim Aufklappen selbst vorlesen, Kuscheltiere mit Gegensprechanlage, um einem unruhigen Kleinkind auch vom Sofa aus sanft ins Ohr flüstern zu können und Überwachungskameras in etlichen Variationen, um das Kind Tag und Nacht im Kinderbett im Auge behalten zu können – auch wenn man selbst gerade nicht zu Hause ist.

Vor 30 Jahren hätte man an solche Dinge sicherlich nicht gedacht. Heute ist dieser Markt und auch die Herangehensweise vollkommen normal. Vor allem, wenn ich mir meine zwei Jahre alte Nichte betrachte. Sie geht mit Spielzeug anders um als ich es in ihrem Alter tat. Dinge sind schnell langweilig und wollen ausgetauscht werden. Vielleicht, weil es diesen Überfluss an diesen Dingen gibt. Und vielleicht auch, weil es Spielzeug bei mir vor 30 Jahren noch nicht in dieser riesigen und teilweise erschlagenden Auswahl gab. Und hier beginnt sie, die Reise vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen.

Level 2 – das Kind

Wenn wir von einem Kind sprechen, dann sprechen wir hier von einem Alter zwischen zwei und 12 Jahren. Eine lange Spanne im Leben eines Menschen. Vielleicht die wichtigste überhaupt, denn wir werden in diesem Lebensabschnitt durch Eindrücke und Erlebnisse geprägt. Keine Ahnung, wie oft ich in Kindheitstagen neue Reifen für mein Fahrrad brauchte, weil sie einfach laufend abgefahren waren. Ja, man war früher viel draußen. Man sprach sich in der Schule ab und traf sich dann zu einer abgemachten Zeit einfach draußen. Kam der ein oder andere Freund nicht, fuhr man mit dem Rad zu ihm und klingelte bei ihm.

Man erlebte die Natur, aber auch das Stadtgetümmel. So manches selbst gebaute Haus in Büschen und Bäumen entstand und um 19 Uhr musste man zu Hause sein. Vielleicht radelte man noch einmal flott heim, um um Verlängerung zu bitten. Aber eigentlich wusste man, dass man zu Hause sein musste, weil es Abendbrot gab. Es gab aber auch Tage, an denen man sich ab und an daheim die Stunden vertrieb. Ich für meinen Teil tat das ab meinem 8. Lebensjahr mit dem ersten Game Boy. Keine Ahnung, wie viele Stunden ich in Mario Land 2, The Legend of Zelda – Links Awakening und Pokémon Rot so verbracht habe, aber es waren unendlich viele Stunden.

Man wuchs damit auf und es war normal, dass man den Game Boy nach zwei Stunden auch zur Seite legte und sich wieder auf sein Fahrrad schwang. Und so ging ich auch mit dem Nintendo SNES später um, selbst als ich mit meiner vier Jahre jüngeren Schwester etliche Stunden Mario Kart zockte und wir uns in dem Spiel vergessen konnten.

Heute wachsen Kinder komplett digital auf.

Leider in manchen Punkten zu wenig. Denn noch immer müssen Schulkinder kiloweise Bücher von Zuhause in die Schule schleppen und auch wieder zurück. Andere Länder und Schulen sind da weiter und lassen Schüler ihre Aufgaben mit Tablets und Notebooks absolvieren. Insbesondere die COVID-19-Pandemie zeigt uns auf, dass hier in Deutschland noch sehr viel getan werden muss, damit Kinder von zu Hause aus digital in die Schule gehen und lernen können. Doch das ist und mag ein anderes Thema sein.

Dennoch spielt heute das Smartphone bei Kindern bis 12 Jahren schon eine große Rolle. Es gibt kein Hausaufgabenheft aus alten Tagen mehr, sondern WhatsApp-Gruppen, über welche Lehrer ihre Schüler an Aufgaben erinnern und sie auch direkt zusenden. Wirkt manchmal vielleicht auch wie der Chef, der einen im Urlaub auf dem privaten Smartphone erreichen kann. Kinder sind heute schon so immer erreichbar – durch Mitschüler, Freunde, aber auch die Familie. So ist es heute auch fast schon normal, wenn man Oma und Opa via Skype oder FaceTime anruft und mit ihnen plaudert. Früher waren es abendliche Anrufe oder eine Zugfahrt zu den Großeltern, um über das Wochenende bei ihnen zu bleiben.

Level 3 – der Teenager

Wie war ich als Teenager so? Eigentlich sehr wissenshungrig. Ich hatte immer irgendetwas zu tun. Es gab nie Tage, an denen ich drinnen saß und mir langweilig war. Ich war schon immer handwerklich interessiert und bosselte immer irgendetwas in der Werkstatt. Wenn mir das zu langweilig war, werkelte ich im Garten herum und mit 14 Jahren fing ich auch an Stiefmütterchen zu kreuzen und zu züchten. Das Fahrrad und lange Nachmittage mit Freunden kamen dabei auch nicht zu kurz. Meistens an regnerischen Tagen verbrachte ich den Mittag mit Freunden an der SNES und später auch am N64. So manches Pokémon wurde in dieser Zeit gefangen, trainiert und auch mit Freunden getauscht. Nicht online – sondern mit einem Kabel zwischen dem einen und dem anderen Game Boy.

Musik war immer ein wichtiges Thema bei mir. Als Teenager begann ich selbst Musik zu machen. Bis vor einigen Jahren quälte ich noch Keyboards und Synthesizer und so manches Mixtape und Demo entstand seit meiner Teenagerzeit. Vor allem, weil mit 14 Jahren der erste Computer ins Haus kam und ich ihn eigentlich unter Dauerbelegung setzte. Filme und TV-Serien waren als Kind nicht permanent interessant. Erst als Teenager interessierte ich mich hierfür mehr und schaute Unmengen an Filmen. Der iPod war das erste Stück Hardware, welches ich mir für sehr viel Geld selbst kaufte. Es war auch nicht mein letzter iPod und mit 80 GB Musik in der Hosentasche fand man sich damals in der Straßenbahn ganz schön cool. 80 GB offline Musik – immer dabei. Geile Zeiten, wenn ich darüber genau nachdenke. 

Heute sind Smartphones, Computer und Spielekonsole eigentlich …

… der erste Anlaufpunkt, wenn es um das Privatleben von Teenagern geht. Ohne Smartphone geht heute gar nichts mehr (⇒LINK). Fahrräder sind eher ein Zubehör, das man sich in Fortnite schnappt und online eine Mission damit erledigt. Kaum ein Kind möchte heute noch ein Fahrrad besitzen oder herausgehen zum Zeitvertreib. Klingt übertrieben, ist aber so. Vielleicht war Pokémon Go einer der wenigen Gründe, wodurch heutige Teenager aus ihren verdunkelten Kinder- bzw. Jugendzimmern gelockt werden konnten und noch immer können. Du musst einfach raus aus dem Haus, wenn du dabei sein willst. Ein sehr cleverer Zug, um alte Zeiten mit neuen Zeiten wieder in einen Einklang zu bringen und das Treffen mit Freunden in der Außenwelt wieder stattfinden zu lassen.

Aber dennoch sind Teenager heute meist online zugange. Zumindest wird so alles klar gemacht, auch der ein oder andere Besuch bei Freunden oder in Kinos. Zumal ist das Verabreden solcher Aktivitäten heute eher eine Tortur geworden. Es braucht immer gefühlt 30 Nachrichten von allen Personen, bis etwas vereinbart ist und dann überhaupt real stattfinden kann. Es war früher nur ein Telefonat über das Festnetztelefon und schon war man unterwegs. Sieht man die Entwicklung vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen? Auch über Epochen hinaus?

Level 4 – der junge Erwachsene

Wenn ich junger Erwachsener sage, dann meine ich das Alter zwischen 18 und 23 Jahren. Die Zeit, in der man in eine bestimmte Bahn einlenkt. Meistens aus Interessen heraus, oftmals aber auch, um sich selbst erst einmal finden zu können. So manches Studium kristallisiert sich in dieser Zeit vielleicht doch nicht als das Wahre heraus. Ich begann mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker Fachrichtung CNC-Frästechnik. Für mich war es die ideale Kombination, um handwerklich und computertechnisch meine Interessen abzudecken. Man programmierte mit Hilfe von computergesteuerten Maschinen und hatte am Ende ein fertiges Werkstück in der Hand.

Ein Nokia Handy war in diesen Zeiten das höchste der Gefühle. Und ich hatte etliche Modelle davon. Allein, dass man plötzlich eine 1-Megapixelkamera dabei hatte und Fotos schießen konnte, war ein Hit. Und auch das Transferieren dieser via Infrarot zu einem PC war etwas Magisches. Heute schmunzelt man über die Tage, vor allem wenn man sich sein iPhone und die iCloud-Fotomediathek anschaut.

Vielleicht ist es aber auch hier heute zu einem Problem geworden.

Wir knipsen heute permanent Fotos, schauen sie im Nachhinein aber gar nicht an. Vielleicht ist dies durch die Medienflut (⇒LINK) bedingt, welche heute schon als junger Erwachsener über uns hereinbricht. Junge Erwachsene heutzutage haben dennoch den Vorteil, dass sie in einer wunderbaren Welt aufwachsen. Sie haben heute alle möglichen technischen Mittel, die man sich vorstellen kann. Auch wir hatten einige Mittel, aber uns fehlten teilweise grundlegende Dinge, um eine Idee technisch umsetzen zu können:

Internet. Vor allem schnelles Internet und auch die nötige Rechenleistung. Junge Erwachsene der heutigen Zeit schöpfen aus dem Vollen. Sie können sich einfach bedienen und ihr Projekt starten. Das funktionierte bzw. funktioniert früher wie auch heute noch in Garagen, auf Dachböden oder in Kellergewölben. Jeder kann als junger Erwachsener Apps programmieren und sich damit zum Beispiel ein Business aufbauen. Aber es kann heute auch jeder Schriftsteller werden und den nächsten Hit-Roman verfassen und weltweit digital anbieten. Um vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen zu werden, braucht es heute keine großen Mühen mehr, denn wir beginnen einfach damit.

Level 5 – der Erwachsene

Was bedeutet denn eigentlich schon erwachsen sein? Ich fange heute mit meinen fast 33 Jahren noch mit dem iPhone das ein oder andere Pokemon in der freien Wildbahn und bin begeistert, wie diese Kreaturen heute via AR in das reale Umfeld eingebunden sind. Nur der N64 mit Pokémon Stadium schaffte das in Tagen als Kind und Teenager. Erwachsen bin ich aber mit dem iPhone geworden und so richtig mit dem Mac. Das iPhone machte Dinge anders. Es löste vor allem meinen iPod aus Teenagertagen plötzlich ab und ließ mich auch plötzlich anders kommunizieren. Vergessen waren irgendwann auch die Kürzel aus ICQ, dem MSN Messenger und Chatrooms. *rofl*

Heute sind Dinge auch selbstverständlich geworden, vor allem wenn man in einem SmartHome wohnt und damit agiert. Auch wird haben uns als Erwachsene an den Wandel der letzten vielen Jahre gewöhnt. Aber in Etappen. Wir haben die Sprünge mitgemacht. Und wir mussten sie machen, damit wir nicht hängen bleiben und abtriften. Unsere Eltern und Großeltern sind da heute an einem weitaus schwierigerem Punkt, denn die Sprünge kamen für sie spät und auch unrglaublich schnell. So manche Mutter von 60 Jahren muss heute an Homebanking herangeführt werden, damit sie im Zuge der Digitalisierung des Bankensektors den Überweisungsträger und den klassischen Bankschalter überwindet und in zehn Jahren nicht mit 70 Jahren auf der Strecke liegen bleibt.

Was ich damit sagen will:

Wenn wir uns unsere Entwicklung vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen betrachten, dann ist es eine andere als diejenige, die heute stattfindet. Wenn ich also meine Kindheit betrachte, dann ist es eine komplett andere als heute. Was normal ist, denn meine Eltern denken hier in Bezug auf ihre und meine Kindheit exakt im gleichen Muster. Es ist also schlicht eine andere Generation, die andere Erfahrungen sammelt und auch sozial in ganz anderen Mustern aufwächst. Heute allgemein weltoffener, interessierter und politisch auch aktiver als es vielleicht früher oft der Fall war. Und wahrscheinlich ist das Internet nicht ganz unschuldig daran gewesen. Denn Wissen ist dort, wo man Wissen sucht – wie ich es gerne ausdrücke. Egal, ob damals oder heute. Jeder hat Mittel. Und jeder sollte sie für sich so einsetzen, dass es möglichst sinnvoll und befriedigend ist. “Bei uns gab es das früher alles nicht“, sind unnötige Phrasen. Und dennoch werden sie von jeder Generation gerne genutzt. 1960, 1990 und auch 2020 noch. Es ist also schlicht der Wandel der Zeit, der uns vom technischen Kind zum technischen Erwachsenen bringt.

Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.

∼ Max Frisch – Schweizer Schriftsteller ∼

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