Der Mensch lebt von der Informationsweitergabe. Was einst nur Mundpropaganda oder der Zeitungsdruck ermöglichte, kupferte das Internet später in digitaler Form ab. Und was einst nur stationär möglich war, geht heute über einen Griff in die Hosentasche. Wer hätte vor mehr als 25 Jahren gedacht, dass das Internet uns so verändern würde. Wir versinken – und das jeden Tag ein wenig mehr – in einer Medienflut.

Die-Medienflut-Kolumne-matthias-petrat-Artikelbild Die Medienflut

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Das Internet machte 1960 seine ersten Schritte im Sinne des Militärs

– wie so viele andere menschliche Errungenschaften auch. Ein weltweiter Verbund aus wenigen Computern wurde zur Informationsweitergabe militärischer Operationen verknüpft und als Intranet betitelt. Um auch im Dienste der Wissenschaft Informationen austauschen zu können, verband man einige Zeit später auch Universitäten und Forschungseinrichtungen. Ziel dieses Handelns war aber in erster Linie das sinnvolle Ausreizen der Rechenkapazitäten von Großrechnern. Die Stationen tauschten Pakete über das TCP-Protokoll aus, das später zum Protokoll TCP/IP weiterentwickelt wurde. Ziel des Militärs war es, über diesen Computerverbund eine sichere Verbindung im Falle eines Atomkriegs gewährleisten zu können, denn zu dieser Zeit herrschte der Kalte Krieg. Erst mit dessen Ende 1990 kommerzialisierte sich das Netz. Zeitgleich wurde auch das WWW erfunden und als ein wichtiger Standard festgesetzt. Das öffentliche Internet war geboren und ab diesem Zeitpunkt für jeden zugänglich. Hier stellt sich nicht nur die Frage “Wie viel Smartphone ist eigentlich gut für uns?” (⇒LINK), sondern auch, ob wir nicht in einer Medienflut stehen und uns diese Menge nicht langsam die Luft nimmt.

Die Verbindung zum Internet ist heute keine Neuheit mehr

– sondern vielmehr eine Selbstverständlichkeit. Wir sind prinzipiell immer online – 24 Stunden am Tag und das so gut wie überall. Das Internet hat unser Leben schlagartig verändert – Stück für Stück und teilweise auch heimlich, still und leise. Was sich in den frühen 90ern noch stationär abspielte, wird heute von wirklich überall ausgeführt. Wir sind nicht an einen festen Platz gebunden, sondern können ganz frei entscheiden, wo wir online sind. Wie wir uns auch entscheiden, wir haben Zugriff auf so gut wie alles. Und wie schon gesagt – 24 Stunden am Tag. Medien dienen uns im Alltag für vielerlei Dinge. Das Radio-, Fernsehprogramm und die Tageszeitung – regional sowie bundesweit – waren vor dem Internet die aktuellsten Informationsquellen überhaupt. Das abendliche Einschalten der Tagesschau war demnach genau so gesetzt, wie das morgendliche Aufschlagen der Zeitung. Diese Medien gibt es auch heute noch und auch sie machen mit dem Internet einen Wandel durch.

Heute hält uns die Tagesschau auf Wunsch per Push den ganzen Tag aktuell, ohne den Fernseher einschalten zu müssen. Zeitungen werden uns als Abo bereitgestellt oder als Facebook-Post in einer Timeline angezeigt. Und auch Radioprogramme benötigen kein klassisches Radio mehr, sondern können rund um die Uhr über das Internet gestreamt werden – wenn auch die Relevanz von Radio immer noch eine Diskussion für sich bleiben wird. Die genannten Medien machten alle einen Wandel mit und der Informationsempfänger ebenso. Wir gehen unter und das jeden Tag ein wenig mehr, denn wir leben im Paradies. Das bedeutet nicht nur, dass wir im tiefsten Winter im Supermarkt Himbeeren kaufen können, sondern auch zu jeder gewünschten Laune digitalen Zugriff auf alle gewünschten Medien haben. Wir leben in Saus und Braus und das ist gar nicht mal verkehrt, wenn man nicht am realen Leben vorbeiläuft.

Das Problem ist der Überfluss an Inhalten

Unser Tag hat 24 Stunden und mindestens 8 Stunden davon arbeitet man – der eine mehr, der andere weniger. Von den restlichen 16 Stunden sind im Durchschnitt mindestens 7 Stunden für den Schlaf reserviert, wonach noch 9 Stunden übrig bleiben. Diese Zeit ist heute mit allerhand medialer Informationsquellen gefüllt. Facebook, Twitter, RSS-Feeds, Push-Nachrichten, Messaging, Videotelefonie, Musik- und Filmstreaming, digitale Zeitungs- und Zeitschriftenabos, eBooks, Kino, Fernsehprogramme, Mediatheken und noch viel mehr. Wir werden in unserer effektiven Zeit mit dem Angebot an Medien überflutet und wir möchten alles konsumieren. Es wirkt manchmal wie der schnelle Sex. Der Kick, etwas erlebt zu haben. Es nicht verpasst zu haben. Mitreden zu können und dadurch dazuzugehören. Dabei verlieren wir die Wertschätzung der einzelnen Medien, denn die Medienfluten kommen permanent nach. Was heute vielleicht noch topaktuell ist, ist morgen schon wieder ein alter Hut und nicht mehr relevant. Wir sind schlicht überfordert und kommen, um ehrlich zu sein, in vielen Punkten nicht mehr nach. Unser Tag müsste mittlerweile vermutlich 48 Stunden haben, um alle möglichen Medienquellen aktiv und aufmerksam verfolgen zu können.

Facebook – aus meiner Sicht eine soziale Grenzwertigkeit

Egal wo – Leute haben Facebook auf ihrem Smartphone geöffnet und scrollen leichenstarr eine kaputte Timeline durch. Dies nicht nur kurze Zeit, sondern teilweise minutenlang und ohne ein wirkliches Ziel. Der Fokus liegt dabei gar nicht auf den einzelnen Beiträgen, sondern auf der gesamten Masse. Es gilt alles gesehen und mitbekommen zu haben. Psychologisch ist dies einfach zu erklären, denn ein kostenloser Überfluss verleitet uns zum abhängigem Dauerkonsum. Es wirkt wie das große Fressen bei zu viel verfügbarer Nahrung. Wir möchten alles mitnehmen, denn wer weiß, wann es wieder etwas zu essen gibt. Facebook ist in meinen Augen keine soziale Plattform, sondern eine unsoziale Krankheit. Auch andere soziale Netzwerke fallen beim Dauerkonsum in dieses Raster, doch Facebook ist der Garant der Desozialisierung und lässt daher viele schlicht untergehen. In kostbarer Zeit werden wir mit Müll befeuert und das bewusst und freiwillig – da soll sich noch einer über Werbung im Internet beschweren. Die Timeline ist voll, der Sinn dahinter leer.

Das Wasser steht bis unter die Nase

Doch auch andere Medien lassen uns bei Überkonsum ersticken. Es sind vor allem unsere digitalen Abonnements. Wir wollen heute alles haben – nicht um jeden Preis, aber wenn er bezahlbar ist, dann nehmen wir diesen dennoch gern in Kauf. Jeweils 10€ für ein Musikstreaming- und Videostreamingabonnement sind heute keine Seltenheit mehr – auch bei mir nicht. Das erlaubt uns den Abruf von Musiktiteln in millionenfacher Stückzahl und den Aufruf von Filminhalten mit unendlicher Laufzeit. Der Fokus steckt hier im Detail. Die Frage ist nicht, ob man solche Abonnements und ihre verknüpften Inhalte benötigt, sondern ob man die Masse an Material benötigt und Herr seiner selbst ist. Braucht man permanent neue Empfehlungen, denen man aus Zeitgründen sowie nicht hinterherkommt? Im Takt eines Tages erscheinen neue Musikalben, spezielle EPs, brandneue Serien und der nächste große Blockbuster. Die Übersicht zu behalten ist nicht nur unmöglich, sondern zeitgleich auch eine psychologische Belastung. Denn für den monatlichen Abo-Preis wollen wir soviel wie möglich mitnehmen.

Wir fressen uns voll – ohne Grund, ohne Fokus und ohne Sinn. SoundCloud, Podcasts, YouTube und etliche weitere kostenlose Medienquellen stehen uns ebenfalls zur Verfügung. Sie machen uns zu Fans, zu Anhängern und zu Konsumenten. Wir möchten keinen Schminktipp und kein Mixtape verpassen, denn wer weiß, ob es nicht die letzte Version war. Jeden Tag checken wir daher unsere kostenlosen Abo-Quellen und Funktionen wie AutoPlay machen es uns dabei nicht wirklich einfacher, sondern befeuern uns im Anschluss an ein Versionsende mit einer weiteren Version. Am Abend eine Folge einer Serie auf Netflix schauen endet daher gut und gerne erst nach der vierten Folge und schließlich dann mit dem Zubettgehen – dabei wollte man doch eigentlich noch das eine Mixtape auf SoundCloud hören und dabei die abonnierten RSS-Feeds lesen.

Mit der Medienflut steigt das Wasser…

Ja, wir gehen unter und das jeder für sich. Der Überfluss überschwemmt uns und uns steht das Wasser schon bis zu den Knien. Es gilt, Sandsäcke zu legen und der Flut entgegenzuwirken. Die medialen Wellen werden nicht weniger, sondern noch viel höher und schwappen in immer kürzeren Etappen über uns herein. Es ist höchste Zeit, einen medialen Fokus zu setzen und Medieninhalte konstruktiv zu filtern. Wir müssen die Wichtigkeit einzelner Quellen definieren und dann gezielt aussortieren. Vielleicht ist das ein oder andere Podcast-Abo gar nicht so wertvoll, wie man immer dachte und vielleicht ist es besser, sich monatlich einzelne Musikalben und Filme zu kaufen statt in ein monatliches Abo-Modell Geld einzuwerfen. Vielleicht ist der eine oder andere Schminktipp auf YouTube doch nur unsinnige Wischerei und vielleicht endet ein digitales Zeitungs- und Zeitschriftenabo doch nur damit, dass man die Hefte sammelt, aber nie gelesen bekommt.

Was wirklich wichtig ist, ist ein gesundes Mittelmaß. Medien sollen informieren, aber nicht überfordern. Sie sollen Wissen, Unterhaltung und Spaß bieten, aber keinen Konsumstress auslösen. Medien müssen sinnvoll eingesetzt werden, so wie sie auch sinnvoll konzipiert sein sollten. Wer diese Denkweise beherzigt, der wird nicht untergehen, sondern in seinem ganz eigenen Wohlstand des verfügbaren Überflusses leben und somit einen gesunden und sozialen Informationsfluss konsumieren.

Denken wir an das, was einen wirklichen Wert besitzt, an das, was unserem Leben einen Sinn gibt, und setzen wir unsere Prioritäten dementsprechend.

 Dalai Lama ∼


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