Was ist ein Computer?” ist immer noch eine Frage, welche man sehr ausufernd beantworten könnte. Für mich beginnt diese Frage am Handgelenk, denn hier arbeitet seit nun vier Jahren eine Apple Watch unbemerkt und dennoch sichtbar. Die Apple Watch ist mitunter das interessanteste Apple-Produkt, da es in kleinen Computerschritten eine Entwicklung durchläuft, die wir vorher nur beim iPhone genauer betrachten konnten. Die Apple Watch Series 6 springt hier nochmals eine Stufe höher.

Die_Apple_Watch_Series_6_Blutsauerstoff_kolumne-scaled Die Apple Watch Series 6

Diese Kolumne ist auch als Podcast verfügbar.

Podcast_Badge_Transparent Die Apple Watch Series 6

Eine gewohnte Designsprache

Wenn man sich die Apple Watch Series 6 äußerlich betrachtet, dann fällt einem eigentlich kaum ein Unterschied zur Series 5 und Series 4 auf. Nur der Kenner wird vielleicht bemerken, dass die Series 6 eine neue Gehäusefarbe besitzt. Die Apple Watch Series 6 spricht weiterhin die gleiche Designsprache, wie sie es auch bei ihren beiden Vorgängermodellen tat. Optisch gliedert sich die Apple Watch somit auch in ihrem vierten Bestandsjahr als ein sehr unaufdringliches Accessoire am Handgelenk ein. Sie wirkt unauffällig und dennoch ist sie als “Armbanduhr” permanent sichtbar. Genau dies ist weiterhin der Charme, den dieser tragbare Computer ausmacht und den Besitzer dabei die Technik dahinter komplett vergessen lässt. Es ist die Sprache zwischen Design und Funktion, die sie zu dem macht, was sie ist.

Die Materialien

Erinnert man sich an das Jahr 2016 zurück, dann fallen einem vielleicht noch die brillanten Videos über die unterschiedlichen Materialherstellungen der einzelnen Apple Watch Modelle ein. Aluminium, Edelstahl und Echtgold waren hier Thema und die Videos darüber wirklich faszinierend. Eine Apple Watch aus 18 Karat Gold bekommt man heute nicht mehr, aber irgendwo werden diese Modelle der 1. Generation sicherlich noch herumliegen und auf ihren Materialverkaufswert warten. Auch ein noch vor einem Jahr erhältliches Uhrenmodell aus Keramik vermisst man mit der Series 6 nun. Für manche sicherlich schade, für mich eher eine Geschmacksfrage, da mir das weiße Keramikgehäuse optisch nie gefiel.

Die Apple Watch Series 6 setzt auf Aluminium, Edelstahl und Titan. Sie gliedert sich als Produkt somit wieder einfacher auf und der Griff zum jeweiligen Modell wird durch den individuellen Geschmack, aber auch durch den Preis beeinflusst. Meine Series 5 aus Titan wurde in diesem Jahr daher durch eine Series 6 aus Edelstahl in der Farbe Graphit ausgetauscht. Titan war ein Jahr lang sehr nett, doch die neue graphitfarbene Edelstahlvariante wirkt einfach stylischer. Vielleicht bin ich von Edelstahl ohnehin etwas angetan, weil vor der Series 5 all meine Apple Watch Modelle ein poliertes Edelstahlgehäuse aufwiesen. Auch bin ich ein großer Freund der Saphirglasabdeckung über dem Display. Es beruhigt mich, wenn ich weiß, dass dem Display wenig passieren kann. Die Apple Watch wirkt durch diese Materialkombination robust und muss gewisse Alltagssituationen einfach unbeschadet überstehen. Das war all die Jahre so und gibt ein gutes Gefühl. Auch ist es nun ein besseres Gefühl eine Apple Watch Series 6 aus Aluminium zu tragen, denn diese besteht nun aus 100 % recyceltem Aluminium.

Das Display

Auch die Series 6 besitzt ein Always-On-Display. Wahrscheinlich das Verkaufsargument überhaupt, schaut man sich die Verkäufe der Series 5 im letzten Jahr nochmals an. Die Apple Watch Series 6 besitzt nun aber ein helleres Display. Das beobachtet man nun vor allem im Freien, wenn auch Tageslicht auf das Display fällt. Das OLED-Display dreht hier die Helligkeit nun um 20 % höher und erleichtert dadurch allgemein die Lesbarkeit. So manches Handgelenk muss dadurch nun nicht mehr gedreht werden, um die Uhrzeit zu erhaschen. Weiterhin ist das Display in den Größen 40 mm oder 44 mm erhältlich. Mir fiel in den letzten Wochen vor allem auf, dass das Display wesentlich ansprechbarer ist. Es reagiert meines Erachtens präziser auf Eingaben als es die Series 5 beispielsweise tat. Das ist aber nur mein persönlicher Eindruck und kein in technischen Details bewiesener Aspekt.

Die Konnektivität

In der Apple Watch Series 6 schlummert nun ein Chip, welcher noch keine Aufgabe besitzt. Korrekt, wir sprechen von Apples U1-Chip. Erst mit der Ankündigung des HomePod mini war nun etwas klarer, womit ein iPhone mit U1-Chip, zum Beispiel bei Musik, mit einem HomePod mini interagieren kann. Die Apple Watch Series 6 lässt leider noch keine Funktionen dahinter erkennen. Ich hoffe aber, dass sich hier etwas in den nächsten Jahren tut und daher ist es gut zu wissen, dass die Apple Watch Series 6 direkt in diesen neuen Gebieten mitspielen darf, wenn es denn soweit ist. Der U1-Chip ist nun einmal ein mehr als interessantes Thema (⇒LINK).

Wirklich erkennbar ist aber die neue Möglichkeit mit WiFi-Netzwerken arbeiten zu können. Die Series 6 kann nun auch eigenständig mit 5GHz-Netzwerken arbeiten. Die Series 5 war auf 2,4GHz-Netzwerke limitiert. Weiterhin setzt die Apple Watch auch in ihrer Series-6-Ära auf 802.11 b/g/n und nicht auf 802.11 ac oder sogar auf 802.1ax (WiFi 6). Dies wäre wahrscheinlich ein technischer Schritt, den im nächsten Jahr die Serie 7 machen wird. Im Alltag ist aber die Konnektivität zu einem 5GHz-Netzwerk schon sehr erfreulich. Das ist erst dann bemerkbar, wenn iPhone und Apple Watch sich nicht über Bluetooth sehen und eine Verbindung über das WLAN-Netzwerk zueinander aufgebaut wird. Ist das iPhone überhaupt nicht vor Ort, so ist die Möglichkeit zur Kommunikation über ein 5GHz-Netzwerk ein weiterer kleiner Schritt zu einem immer autarkerem Computer.

Ab ins Bett!

Ich trage meine Apple Watch schon seit Jahren auch in der Nacht. Und wieso? Weil sie hier seit Jahren schon meinen Schlaf überwacht und mir am Morgen eine detaillierte Aufzeichnung meines Schlafs aufzeigt. Mit watchOS 7 besitzt jede Apple Watch nun diese Funktion von Haus aus. “Schlafenszeit” nennt Apple die Funktion und sie hinkt meiner Meinung nach noch etwas hinterher. Die Apple Watch kann durch diese Funktion nach einem definierten Zeitraum agieren. Sie macht dies in Kombination mit einem Wecker, im besten Fall mit einem sich konstant wiederholenden Wecker. Beginnt die eigene Bettzeit zum Beispiel um 22 Uhr und geht der Wecker um 7 Uhr, so erinnert die Uhr kurz vor der Bettzeit an das Aufladen der Uhr. Und wieso? Weil sie über die Nacht bis zur Weckzeit getragen werden soll.

So kann sie über Nacht den genauen Schlaf anhand von Bewegungen und Pulsverhalten analysieren. Die Apple Watch Series 6 misst in der Nacht übrigens auch den Blutsauerstoff, wenn man sich in sehr ruhigen Schlafphasen befindet. Aber die ganze Schlafenszeit ist noch nicht so der wirkliche Hit. Vor allem, weil man nie einen strukturierten Ablauf an Schlafphasen besitzt. Wer geht bitte jeden Tag immer zur gleichen Zeit ins Bett? Und hier fängt das Computerdenken nun einmal an. Die Apple Watch versucht hier mitzudenken, aber auch nur, wenn man selbst eine gewisse Disziplin mitbringt. Vielleicht ein wenig wie auch bei der Fitness-Funktion der Apple Watch. Ich setze hier weiterhin auf meine Variante, um meinen Schlaf mit der Apple Watch aufzuzeichnen (⇒LINK). Alleine schon, weil ihr somit viel mehr Daten an die Hand geliefert bekommt. Die Schlaffunktion von watchOS 7 zeigt leider nur die reine Schlafenszeit und keine Daten wie Puls, Bewegung, Tiefschlafphasen, Wachphasen usw. auf.  Das ist aber eher eine Softwaresache und keine Hardwarelimitierung.

Das Aufladen

Wichtig ist, dass die Apple Watch lange im Alltag durchhält. Die Series 6 legt hier nochmals eine Schippe drauf. Die Apple Watch Series 5 hatte mit dem Energiemanagement in Kombination mit dem Always-On-Display so ihre Schwächen. Bedeutet, dass der Akku über den Tag relativ schnell an sein Ende kam. Die Series 6 macht dies deutlich besser. Vor allem erfolgt das Aufladen schneller: Sie kann ihren Akku nun 20 % schneller mit Energie befüllen und das bemerkt man im Alltag sehr. Ich trage meine Uhr fast 24 Stunden am Tag. Das wäre rechnerisch aber eine Lüge, denn sie hängt zwischenzeitlich ein wenig am Strom. Hier nun aber viel kürzer. Wenn ich ins Bett wandere und dort noch auf dem iPhone oder iPad Zeit in TikTok verbrenne die letzten Dinge abarbeite, dann landet die Series 6 auf dem Ladegerät auf dem Nachttisch. Hier kann sie sich noch eine gute halbe Stunde auftanken, bevor sie wieder am Handgelenk landet und mich beim Schlaf begleitet.

Nachdem der Wecker mich am Morgen sanft angetippt hat, landet die Apple Watch direkt wieder auf dem Ladegerät auf dem Nachttisch und bleibt hier so lange liegen bis ich mit allen Vorgängen im Badezimmer fertig und umgezogen bin und der erste Kaffee in die Tasse läuft. Wenn ich nach dem Frühstück am Schreibtisch sitze, pusht mir das iPhone nach ca. einer Stunde, dass die Apple Watch komplett aufgeladen wurde. Jetzt landet die Uhr am Handgelenk und erst dann am Abend wieder für eine halbe Stunde am Strom. Das schnellere Aufladen hat damit den Effekt, dass man in den Phasen vor dem Schlafen und nach dem Aufstehen die Zeit zum Aufladen der Uhr besser nutzen kann, um sie dann gefühlt 24 Stunden am Arm tragen zu können.

Ein Fazit

Lohnt es sich eine Apple Watch Series 6 zu kaufen? Das sind Fragen, die ich fast täglich höre. Vielleicht bin ich hierfür aber der falsche Ansprechpartner, da ich alle mobilen Geräte (Apple Watch, iPhone und iPad) nach einem Jahr direkt durch das neuere Modell ersetze. Ich erlebe somit schon immer die jährlichen Sprünge zwischen den Modellen und stelle diese Evolutionssprünge somit jährlich fest und nicht wie viele in einem Rhythmus von zwei, drei oder auch vier Jahren. Wer eine Apple Watch Series 5 trägt, der braucht in meinen Augen kein Upgrade auf eine Series 6. Außer er braucht unbedingt die Möglichkeit auch seinen Blutsauerstoff messen zu können/müssen. Wer eine Series 4 trägt und unbedingt ein Always-On-Display hätte, für den wäre die Series 6 ein perfektes Upgrade. Und das gilt auch für alle Träger einer Apple Watch Series 3 oder älter.

Kann ich die Apple Watch SE empfehlen? Jein. Die Apple Watch SE trägt zwar den Prozessor der Apple Watch Series 5 in sich und wird demnach auch einige Jahre an Softwaresupport aufweisen, sie lässt aber wichtige Funktionen wie die EKG-Funktion, das Messen des Blutsauerstoffes und das Always-On-Display vermissen. Auch profitiert sie nicht von dem 20 % schnelleren Aufladen. Allgemein ist die Apple Watch SE also nur dann zu wählen, wenn man auf all diese Sache verzichten kann. Wenn nicht, würde ich eher zu einer Apple Watch Series 6 in Aluminium greifen und so auf Dauer mehr und vor allem länger Spaß an meinem tragbaren Computer haben.

Mein Fazit

Ich sehe die jährlichen Sprünge, welche die Apple Watch so vollbringt. Die Series 0 war ein langsamer und klobiger Klotz am Handgelenk und dennoch hatte sie einen gewissen Charme. Diesen Charme hat sie bis heute einfach behalten. Auch wenn sie viel leichter, dünner und optisch ansprechender wurde. Die Kombination aus Design und Funktion ist so exakt geworden, dass man sie oft am Handgelenk als Uhr vergisst. Ich merke es dennoch eher, dass ich keine Uhr anhabe und fühle mich hierbei ernsthaft ein wenig nackt. Wenn ich den Sprung der Apple Watch Series 6 im Vergleich zu denen der Series 5 betrachte, dann wirken diese anfangs marginal. Wir alle wissen aber, dass es die kleinen Sprünge sind, die einen gesamten Wandel erst ausmachen. Für mich ist die Apple Watch 6 daher eher wie der Sprung von einem iPhone 5 zu einem iPhone 5s – aber ein sehr präziser und vor allem sehr wichtiger Sprung. Die Apple Watch Series 6 ist für mich daher ein wichtiger Sprung auf dem Weg, in Zukunft ein noch autarkeres Gerät zu werden.

Es tut jeder gut, sich auf seine eigenen Beine zu stellen, diese Beine mögen sein, wie sie wollen.

∼ Theodor Fontane – deutscher Schriftsteller, Journalist und Erzähler ∼

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