Der Begriff „Nintendo“ ist auch heute noch ein Symbol der Kindheit und der damit verbundenen kindlichen Freiheit. Kinder der 80er und 90er Jahre haben sich in ihrem Heranwachsen mit Charakteren und Konsolen von Nintendo entwickelt. Denn schon immer lag ein ganz bestimmter Zauber auf den Spielen, der uns in den Bann zog und stundenlang fesselte – ganz egal, ob jung oder alt. Nintendo wurde 1889 gegründet und war zu Beginn schlicht ein Hersteller für Spielkarten. Ab dem Jahr 1969 widmete man sich auch der Herstellung von Spielzeug. Zu Beginn der 70er Jahre beschäftigte sich das Unternehmen erstmals mit dem Markt für Videospiele. Ab diesem Zeitpunkt liefen die Denkweise und auch das Handeln parallel zu denen von Apple – es geht um die Nintendotaktik.

Die_Nintendotaktik_Nintendo_Switch_Rot_Grün_Weiß_Controller_Kolumne_Artikelbild-1 Die Nintendotaktik

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Podcast_Badge_Transparent Die Nintendotaktik

Bei Nintendo erhält man schon immer …

… eine Kombination aus Hardware und Software. Dieses Denken ist seit vielen Jahren dafür verantwortlich, dass ein Spiel nicht einfach ein Spiel ist, sondern zu einem Erlebnis wird. Du kannst den Ball demnach sicherlich geradewegs ins Tor schießen und siegen, aber mit einer Taktik dahinter wird dieser Schuss zu einem Höhepunkt des Spiels. Die Herangehensweise an diese Spielkombinationen, in Bezug auf Möglichkeiten der Steuerung und Interaktion durch den Spieler, war daher immer der Unterschied zwischen einem Nintendoprodukt und dem der Konkurrenz. Der Hersteller lockte einen schon immer aus der Ecke, um mit einem Spielabenteuer zu begeistern.

1977 vertrieb Nintendo seine erste Konsole. Das Color TV Game 6 war ein einfaches Gerät, das nur in Japan erhältlich war und insgesamt vier Nachfolger erhielt. In dieser Zeit feierte man mit diesem Start einen kleinen Erfolg und etablierte sich in dem noch jungen Videospielmarkt. 1980 wurde erstmals eine mobile Konsole entwickelt – das Nintendo Game & Watch. Dieses kleine Gerät wirkt wie ein Vorbote des Nintendo 3DS, wenn auch in sehr abgespeckter Form. Man kann aber schon hier erkennen, dass der Hersteller mehrere Szenarien der Videospieltaktik verfolgte. Es war das erste elektronische Spielgerät, das in der Hosentasche Platz fand.

1983 brachte der Konzern den Family Computer, kurz Famicom, auf den Markt. Dieses Geräte ist eher unter dem Namen Nintendo Entertainment System, oder kurz NES, bekannt, wurde mit austauschbaren Spielmodulen genutzt und basiert von der Idee her auf dem VCS 2600 von Atari. Was mit Hardware begann, wurde mit Software gefestigt, denn mit dem NES wurden für die Spielreihen Mario, Zelda und Metroid der Grundstein gelegt.

1989 verfolgte man ein ganz bestimmtes Spektrum an Gamern, …

… denn der GameBoy erlaubte das mobile Spielen unterschiedlicher Abenteuer und das mittels austauschbarer Spielmodule. 1990 zog man mit dem Super Nintendo Entertainment System, kurz SNES, nach und bot damit eine neue Reihe der Heimkonsole an – ab 1992 auch in Europa. Hiermit wurde der Grundstein für Mario Kart und F-Zero gelegt, wodurch der Konzern durch seinen technischen Vorsprung zum ersten Platz vorfahren konnte. Sega und Nintendo waren schon immer Kontrahenten und nachdem Sega für das Mega-Drive ein CD-Laufwerk entwickelte, musste Nintendo neue Kooperationen aufsuchen und eingehen.

Zusammen mit Sony entwickelte man daher für das SNES ein CD-Laufwerk und taufte das Projekt auf den „Namen Super Nintendo Play Station“. Da die Kooperation weniger glückte, entwickelte Sony das Projekt alleine weiter und veröffentlichte dadurch alleine die Sony PlayStation. Heute ist also klar, dass es ohne Nintendo vielleicht nie zu diesem Spielstrang von Sony gekommen wäre. Das Konzept eines CD-Laufwerks wurde von Nintendo mit Philips als neuen Partner weiterverfolgt, scheiterte aber ebenfalls. Die Spiele waren nicht gut genug und konnten nicht an den Erfolg der Vorgänger anknüpfen. Diese erschienen zur damaligen Zeit auf der Philips-Konsole CD-i und das war der einzige Fall in der Konzernhistorie, dass man eigene Charaktere für eine fremde Konsole lizenzieren ließ. Man wandte sich von der CD als Spielmedium ab und konzentrierte sich auf neue Spielmodule.

1995 erschien der Virtual Boy, …

… der wahrscheinlich größte Flop des Unternehmens. Das Gerät ähnelte einer Tauchermaske, in der zwei Bildschirme angebracht waren. Damit konnte man in eine virtuelle Welt mit 3D-Effekt eintauchen. Bedient wurde das Geräte mit einem Controller. Der Virtual Boy war zu seiner Zeit sehr unhandlich, schwer, erhielt nur eine Hand voll Spiele und verschwand nach 140.000 weltweiten Exemplaren auch wieder sehr schnell von der Bildfläche. Interessant ist dennoch zu betrachten, dass der Hersteller schon sehr früh an die Umsetzung von virtuellen Welten dachte, was heute als VR verkauft wird. Die N64 wiederholte diese Denkweise, indem Spielwelten in 3D gespielt werden konnten.

Mit dieser Konsole schob sich Nintendo an anderen Kontrahenten vorbei auf Platz 2. Sony konnte sich in dieser Zeit mit der PlayStation einen großen Marktanteil sichern und setzte, im Gegensatz zu Nintendo, auf Spiel-Discs – daher gehörte Sony auch Platz 1. Da Nintendo den großen Speichervorteil der Spieldisc immer noch im Auge hatte, wollte man erneut auf dieses Pferd aufspringen und versuchte sich mit einem Prototypen, basierend auf einem CD-Rom-Laufwerk und einer N64 erneut – man nannte diesen Prototypen CD64 und veröffentlichte dieses Gerät dennoch nie. Druckmittel waren aber auch Spielehersteller, welche nicht mehr für Spielmodule entwickeln wollten und Nintendo daher kurzerhand die Pistole auf die Brust setzten.

Im mobilen Spielmarkt setzte man 1998 …

… mit dem GameBoy Color auf Spiele in Farbe und etablierte sich damit für einige Zeit, da es hier keine mobile Konkurrenz auf dem Markt gab und man die Spielwiese für sich hatte. Dieser wurde 2001 durch den GameBoy Advance abgelöst, der die grafische Leistung eines SNES besaß und damit viele Spielportierungen ermöglichte. 2001 veröffentlichte Nintendo außerdem auch den Nachfolger der N64 – den GameCube. Der kleine Würfel konnte dank eines Tragegriffs mitgenommen werden und erinnert daher etwas an den ersten iMac von Apple. Der GameCube hatte endlich das, was Nintendo immer verfolgte, denn Spiele waren auf einer Spiel-Disc gebrannt. Zum gleichen Zeitpunkt etablierten sich Microsoft mit der Xbox und Sony mit der PlayStation 2, was Nintendo mit dem GameCube mehr als in den Schatten stellte.

Ab 2005 fuhr man im mobilen Markt etwas zweigleisig. Einmal wurde der Gameboy Advance geschrumpft und war zudem zusammenklappbar. Außerdem verfolgte man mit dem Nintendo DS das Mobile-Gaming auf einer ganz neuen Art und brachte Spiele durch einen Touchscreen auf eine neue Ebene der Interaktion und Wahrnehmung. Diese Denkweise der Interaktion war der Auslöser einer neuen Heimkonsole mit dem Projektnamen „Nintendo Revolution“. Diese Konsole ist heute als die Wii bekannt, ging 2006 in den Verkauf und stellte durch ihre Bedienmöglichkeiten alles andere in den Schatten – wenn auch nicht in grafischen Aspekten.

Die Wii ist die …

… bisher erfolgreichste Nintendo-Konsole und wurde weltweit mehr als 110 Millionen mal verkauft. Nach dem Nintendo DSi 2008 folgte 2011 der Nintendo 3DS und setzte damit auf die grafische Raffinesse des altbekannten N64. Spiele waren nun auch mobil in 3D spielbar – durch ein dreidimensionales Display sogar mit einem Tiefeneffekt. Man machte den 3DS im Jahr 2012 größer und taufte ihn 3DS XL – aktualisierte ihn 2018 zuletzt und lässt ihn in diesem Wesen nun auch langsam sterben. Dazwischen stellte Nintendo 2012 den Wii-Nachfolger vor – die Wii U.

Diese neue Heimkonsole sollte mit einem Tablet eine neue Interaktion am Fernsehbildschirm ermöglichen und setzte erstmals auf HD-Texturen. Die Wii U wollte Handheld und Heimkonsole zugleich sein und verfehlte ihr Ziel gnadenlos. Heute kann die Konsole eher als ein Konzeptversuch angesehen werden und ist der zweitgrößte Flop in der Nintendo-Geschichte. Allerdings scheint man aus einem gefloppten Konzept viel gelernt zu haben – sehr viel sogar.

Nintendo wollte noch nie wirklich …

… im Markt mit einer NextGen-Konsole mitschwimmen, wie es Sony und Microsoft von Beginn an tun. Es zählten nie die Spezifikationen der Hardware, um sich zu verkaufen, sondern die Spielideen und Spielcharaktere dahinter. Diese Denkweise ist auch bei Apple zu beobachten, wodurch sich die Parallelen beider Konzerne erneut erkennen lassen. Das Gesamtbild muss stimmig wirken und den Nutzer auf ein zufriedenstellendes Level bringen. Das bedeutet, dass ein Nintendo-Spiel nie auf Hochleistungshardware, sondern auf seine Idee und Interaktion setzt – die Wii ist hier mit Sicherheit das beste Beispiel für solch einen Erfolg. Nintendo wirkte die letzten 7 Jahre allerdings etwas verschlafen.

Die Wii U floppte, Spiele ließen auf sich warten und Plattformen blieben dadurch lange Zeit leer und Gamer zugleich unglücklich. Nintendo hat uns vergessen – so wirkte es die letzten Jahre. Rückblickend war das etwas längere Ausschlafen die Ruhephase, um sich ganz neue und unbekannte Plattformen genauer zu betrachten und das eigene Konzept zu überdenken.

Der Nutzer sitzt heute nicht mehr nur vor seinem Fernseher …

… oder Computer, um das nächste große Spiel zu zocken. Er sitzt vor allem in der U-Bahn, im Wartezimmer beim Arzt, in der Kantine beim Mittagessen oder auch auf dem Schulhof. iPhone und iPad haben den Casual-Gamer schon seit Jahren an sich gezogen, da diese Geräte immer dabei sind und freie Minuten sehr schnell mit einem kurzen Spiel ausfüllen lassen. Vor dem iPhone hat Nintendo diesen Zug immer mit dem GameBoy erwischt – wenn nicht sogar gesteuert. Allerdings haben sich die Zeiten, Gewohnheiten und auch Ansprüche stark geändert, denn wir sind vor allem permanent online, was zu GameBoy-Zeiten noch keine Relevanz hatte.

Mit dem Nintendo DS, DSi und 3DS wollte man immer auf den einen Zug aufspringen, um auf Kurs bleiben zu können. Zwar waren und sind diese Geräte niemals Ladenhüter gewesen, konnten allerdings auch keinen Umschwung bewirken – vor allem auch, weil iPhone und iPad intuitiv mitgenommen werden und auch die Grafik wesentlich ansprechender war. Ein 3DS begeistert dich sicherlich durch Pokemon und die Story dahinter, aber nicht durch eine tolle Grafik. Wir wechseln unbewusst zwischen Geräten und das rein nach einem bestimmten Verlangen. So mag es sicher die Nutzer geben, die einen 3DS täglich mitnehmen, um Mario und Co. spielen zu können, ebenfalls aber auch zu ihrem iPhone greifen, um eine Runde CandyCrush zu zocken.

Es sind die kurzen Minuten, …

… in denen wir hier entscheiden und handeln. Und scheinbar hat das auch Nintendo endlich gesehen und sich intern zum Umdenken bewegt. Mit Apps für Smartphones möchte man eine ganz bestimmte Nutzerwelle erreichen und ihnen die freien Minuten mit bekannten Nintendocharakteren vertreiben und zeitgleich an das Nintendo-Imperium anknüpfen. Ein Mario-Spiel darf 10€ kosten, denn niemand ist gezwungen, es zu kaufen – wie es bisher mit jedem Nintendospiel der Fall war. Anders sieht es mit In-App-Abos und Co. aus.

Mario Kart Tour ist, in Anbetracht seines Konzepts des Geldeinsammelns, aber eine Frechheit – wird aber dennoch seine Abnehmer finden, die gerne Geld einwerfen. Scheinbar wollen es manche Spieler einfach nur noch so. Gut, dass hier Apple Arcade eine neue Kerbe in den AppStore und seine Spielebuden schlägt. Und dann gibt es da noch die Konsolennutzer. Die Wii U wollte immer ein Handheld und eine Konsole sein, scheiterte aber schon an der Tatsache, dass dies niemals getrennt voneinander funktionierte. Ich betrachte die Wii U daher als einen Versuch und ein Konzept, das leider ein Flop war, allerdings einige wichtige Erkenntnisse lieferte.

„Wir spielen heute nicht mehr ortsgebunden.“

Die Nintendo Switch ist die neuste Konsole und eine konkrete Antwort. Das Gerät ist ein sehr nettes Stück Hardware, liegt wie ein Tablet in der Hand, ist nicht zu schwer aber auch nicht zu leicht und lässt sich mit zwei Controllern bedienen. Es wirkt wie ein iPad, allerdings viel reizvoller. Die Nintendo Switch ist ein Handheld mit einem 6,2“ Multitouchdisplay, das in einer 720p-Auflösung den Inhalt darstellt. Das wirkt klein und unscharf, die Praxis sieht aber absolut anders aus. Es sind nicht die Hardwarespezifikationen die am Ende zählen – das lehrten uns schon Handhelds wie die PS Vita und das Nvidia Shield. Nintendo hat seine ganze Erfahrung der letzten 30 Jahre in eine Konsole gepackt und ein kleines Meisterstück kreiert.

Es ist etwas unbeschreiblich, …

… aber selbst mit 32 Jahren holt dich Nintendo auch heute noch mit einem neuen Zelda-Spiel aus der Ecke und animiert dich zum Spielen. Man hat seinen Charakteren eine neue Plattform verpasst und neue ortsungebundene Möglichkeiten geschaffen. Spiele laufen wieder auf Spielmodulen, welche der Konkurrenz durch Portabilität, Speicherkapazität und Schnelligkeit weit voraus sind. Man überlässt dem Nutzer die Wahl, ob er mit der Switch als Handheld oder als Konsole umgehen möchte, denn dafür kann der Nutzer den Handheld in ein Dock stellen und somit das gesamte Spiel auf dem Fernsehgerät spielen.

Die Bewegungssteuerung war schon lange Zeit ein Thema bei Nintendo und so hat man Bewegungstechnologien verfeinert und diese in abnehmbaren Controller – die Joy-Cons – verbaut. HD-Rumble fühlt sich wie die Taptic-Engine von Apple an, allerdings viel genauer. Du bekommst ein Gefühl für das Spiel und die gerade passierende Sache. Die Taptic-Engine des iPhone macht das ebenfalls in Perfektion und lässt den Casual-Gamer in Spielewelten abtauchten. Aber wie viel Smartphone ist an dieser Stelle eigentlich gut für uns? (⇒LINK) HD-Rumble wird aber auch bis heute, fast 3 Jahre nach dem Switch-Release, von genau keinem Spielehersteller integriert – nicht einmal von Nintendo selbst.

Mit USB-C setzt man außerdem …

… erstmal auf einen Industriestandard, der Barrieren beseitigt. Mit einer Onlinefunktionalität und der Möglichkeit mit insgesamt acht Switch-Konsolen gegeneinander spielen zu können, denkt Nintendo wieder mehr an den Mehrspielermodus aus Wii-Tagen. Intern hat die Switch 32GB an Speicherkapazität verfügbar. Wenig, wenn man bedenkt, dass allein Zelda Breath Of The Wild als Downloadversion schon knapp 14GB wiegt. Allerdings lässt man hier dem Nutzer die Entscheidung und die Möglichkeit den internen Speicher mit einer microSD-Karte aufzustocken. Spiele müssen niemals installiert werden und sind nach einem Ladevorgang direkt startklar – ebenfalls auch jedes eingesteckte Spielmodul. Modul rein und loslegen – wie in alten Zeiten. Man lässt dem Spieler endlich wieder Freiheit und das in vielen Bereichen.

Man kann sagen, dass Nintendo ernsthaft aufgewacht ist und die Änderungen in der Gesellschaft korrekt verstanden und verinnerlicht hat. Die Nintendo Switch ist die Antwort auf viele Fragen. Mit der Switch hat Nintendo Handheld und Konsole in einem Wesen vereint und sich damit die eigene Fragmentierung abgenommen. Die Wii U ist lange tot und der 3DS liegt auch schon in seinen letzten Zügen. Als reines Handheld ist die Nintendo Switch Lite erhältlich. Mit ihr kann nur im Handheldmodus gezockt werden. Der Wechsel zu Konsole am Fernseher fehlt. Wodurch der Begriff “Switch” (zu Deutsch “wechseln”) allerdings nicht mehr so ganz treffend platziert ist.

Die Nintendo Switch ist eine Plattform …

… für beide Welten und ist daher als ein großer Neustart anzusehen. Spiele können im Handheld- oder TV-Modus gespielt werden. Allein, dass die Entwicklungsabteilungen der mobilen und konsolenbasierten Plattformen zu einer Entwicklungsabteilung zusammengelegt wurden, lässt erkennen, dass alles an der Switch arbeitet und keine Fragmentierung mehr entstehen soll. Nintendo ist sich endlich seiner neuen Taktik bewusst und zieht diesen Schritt auch konsequent durch. Spiel einstecken, Konsole einschalten und los!

In meinem Herz bin ich Gamer.

∼ Satoru Iwata ∼


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