Dass das Display das Hauptmerkmal eines jeden iPhone-Modells ist, zeigt schon die große Thematik mit dem Notch (⇒LINK). Dieser setzt seit dem iPhone X eine ganze markante Kennzeichnung der Geräteklasse auf. Es ist äußerlich damit unverkennbar, um was es sich beim Anblick handelt. Doch das Display eines iPhone hat auch eine unsichtbare Eigenschaft zu bieten. Eine, die kaum jemand kennt, niemand bemerkt und noch wenigere überhaupt nutzen – leise stirbt 3D Touch.

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Podcast_Badge_Transparent Der Tod von 3D Touch

“Touch me, touch me. I want to feel your body…”

Bevor das Display eines iPhone so markant herausstach, war es eigentlich ein Display wie jedes andere auch. Zu Beginn sah man Pixel ohne Ende. Und diese deutlich und sichtbar. Dennoch war das iPhone 2007 weltweit das erste und auch größte Multitouchdisplay, das man anfassen und bestaunen konnte. Mit seiner Auflösung von 320 x 480 Pixel auf einem 3,5″ Display war das iPhone das wirklich erste seiner Art. Inhalte waren erstmals anfassbar und haptische Tastenfelder aus der vorherigen Handy-Zeit waren schnell altbacken und vergessen. Mit der Retinasierung 2010 wurde das Display des iPhone nicht größer, aber schärfer. Es sammelten sich 614.400 Pixel auf dem Display – was einer Auflösung von 960 x 640 Pixel entspricht. Zu diesem Zeitpunkt war es das hochauflösendste Multitouchdisplay auf dem Markt – auch wenn die Konkurrenz nicht lange schlief.

“And Boy, have we patented it…”

Ein bekannter Satz von Steve Jobs, schaut man sich heute die Keynote der ersten iPhone-Vorstellung nochmals an. Und oh Mann, haben es andere dennoch schnell nachgemacht und manchmal vielleicht sogar einen Tick besser. Wenn nicht damals, dann vielleicht zumindest heute. Das iPhone wurde in seiner Gesamtheit immer größer, denn aus 3,5″ wurden 4″ – die perfekte Größe, wenn sich einige auch noch an diesen bekannten Satz einer Präsentation erinnern mögen. Der Daumen kam von der unteren rechten Displayecke ohne krampfhaftes Umgreifen zur oberen linken Displayecke. Und wie sie damit recht hatten. Doch Dinge ändern sich und Ansichten ebenfalls. Mit dem iPhone 6 brachte man nicht nur ein 4,7″ Display mit sich, sondern auch einen großen Bruder mit einem 5,5″ Display – das iPhone 6 Plus.

“Size matters. Supersize me.”

Die Größe ist eigentlich nicht alles, denn es kommt ja auf die inneren Werte an. Dennoch war den meisten Nutzern ein 4″ Display auf Dauer zu klein, vor allem weil die Konkurrenz schlicht nicht schlief und mit Smartphones mit größeren Displays als dem des iPhone 5s aufwarten konnte. Natürlich ist das kein Argument, wenn man bei iOS als Plattform bleiben möchte, aber dennoch war es ein Makel, den man wahrnahm. Man kann es auf der einen Seite nur Maximieren, man kann es auf der anderen Seite aber auch ausbauen und zukünftige Funktionen dahinter ablegen. Das hat Apple ab dem iPhone 6s getan – bzw. versucht.

“Ah, push it, push it real good..”

2015 ist sichtlich noch gar nicht so lange her. In technischer Betrachtungsweise aber gefühlt vor hundert Jahren existent gewesen. Mit diesem Jahr und der neuen iPhone-Generation wurde das Display durch einen markanten Punkt unterstrichen. Was zuvor antippbar war, konnte jetzt auch angedrückt werden. Apple nannte es “3D Touch” und legte dem Display damit eine unsichtbare, zweite Schicht auf. Allerdings setzte man dem iPhone auch eine zweite und damit sehr markante Betrachtungsweise auf, denn mit 3D Touch wurde der sehr normale Vibrationsmotor durch die heute bekannte Taptic Engine ersetzt. Mit der Kombination aus beiden neuen Hardwareeigenschaften konnte das iPhone auch mit Hilfe von iOS als Software erkennen, ob man auf das Display tippt oder drückt.

Missing Link

So toll Apple das Feature auch verkaufte und immer wieder anpries, niemand hat es wirklich verstanden oder gar genutzt. Auch Entwickler stolperten bei der Einbindung dieser Funktion eher durch Zufall drüber, oder Apps bekamen es durch iOS selbst in gewissen Funktionen implementiert. Mit 3D Touch hatte und hat man durch Peek & Pop die Möglichkeit, in einen Inhalt hineinzuschauen, ohne ihn direkt öffnen zu müssen. Eine URL kann man somit nicht nur antippen, wodurch sich die Webseite öffnet, man kann die URL auch nur mit etwas mehr Druck andrücken, diesen Druckpunkt halten und so ein kleines Vorschaufenster mit der Einsicht der Webseite betrachten. Kurz anschauen – oder auch luchsen.

Diese Funktion war unter iOS überall vertreten und kann auch bis heute mit Fotos in der Fotos-App mehr oder weniger sinnvoll genutzt werden. Die Taptic Engine dient in diesem Fall als haptisches Feedback, in dem sie den Druckpunkt, der zwei Stufen hat, mit einem Vibrationsmuster bestätigt. Als würde man den Finger fest auf etwas weiches drücken und bemerken, wie stark der Untergrund nachgibt und wie stark man in der Materie versinkt bzw. hineindrückt.

3D Touch? Ach, Force Touch?

Die Verwirrung war eigentlich perfekt, als das MacBook Pro erstmal eine neue Trackpadart erhielt. Dieses konnte, wie auch das iPhone 6s mit 3D Touch, nicht nur erkennen, ob etwas angetippt wird, sondern auch bemerken, wenn der Nutzer etwas fest antippen, also drücken wollte. Dies nannte Apple beim Mac schlicht “Force Touch”. Bis heute ist keinem klar, wieso man bei bei der Funktion einer druckempfindlichen Glasoberfläche – denn das sind iPhone-Display und Trackpad des MacBook – nicht einen einheitlichen Namen festsetzte. Natürlich sind es zwei unterschiedliche Plattformen. Aber war Apple nicht immer schon für “Simplicity” bekannt? Leider haben sie es hier wirklich falsch gemacht – wenn nicht sogar vergeigt und verschlafen.

Totgeglaubte leben Länger

Seit dem iPhone 6s hat Apple 3D Touch immer als Funktion in neue iPhone-Modelle mitgeschleppt und auch die Taptic Engine dafür bzw. daneben immer weiter verbessert. Heute setzt der Vibrationsmotor vor allem bei der Bedienung von sehbehinderten Menschen eine Funktion voraus, dass haptiches Feedback auf eine Eingabe ermöglicht. Taptic Engine ist heute vor allem ein sehr markantes Merkmal der Apple Watch – hier heißt die Funktion hinter einem druckempfindlichem Display am Handgelenk übrigens auch “Force Touch” und nicht “3D Touch”. Wer soll da noch durchblicken…

Friss Vogel oder stirb

3D Touch wird im iPhone durch eine zusätzliche Schicht im Display ermöglicht und umgesetzt. Diese nimmt Druck wahr, bemisst ihn in seiner Stärke und kann aufgrund von Software dann zwischen einem Antippen, einem leichten Druck oder einem festen Druck unterscheiden. Dadurch kann man unter iOS zum Beispiel den Cursor in einem Textfeld frei bewegen, wenn man fest auf irgendeine Stelle des Tastaturfeldes drückt und den Daumen mit diesem Druckpunkt weiter wandern lässt. Auch kann man durch diese zwei Druckpunkte mit dem Cursor den Start- und Endpunkt einer Textpassage markieren und im Anschluss über das Kontextmenü ausschneiden oder kopieren.

Bis heute funktioniert dieser Art der Geste allerdings kaum einwandfrei und es nutzt auch schlicht gefühlt niemand. Auch hat Apple es bis heute verpasst, iOS mit Hilfe von 3D Touch neue Funktionen nachzuliefern – allein das Aufrufen des Kontextmenüs über einen dritten Druckpunkt wäre bis heute schlicht sinnvoll gewesen. Mehr oder weniger lebt die Taptic Engine damit brach im Gerät und virbriert nur noch manchmal vor sich hin, wenn in iMessage Nachrichten mit Effekten ankommen. *Mit Ballons gesendet*

“Niemand mag dich…”

Ja, das trifft es. Niemand mag 3D Touch. Und auch am Mac nutzt selten jemand Force Touch. Nur die Apple Watch wird heute noch oft fester angedrückt, weil es das kleine Display erlaubt und auch so etwas wie eine zweite App-Schicht – ein Menü – damit ermöglicht wird. Beim iPhone ist das alles nicht gegeben, weil man es scheinbar nie sinnvoll verfolgte. Vielleicht ein Grund dafür, dass ein iPhone Xr daher zwar eine Taptic Engine, aber keine 3D Touch Funktion hat, da diese zusätzliche, berührungsempfindliche Schicht dem Display vorenthalten wurde.

Vielleicht ein Grund, wieso das iPad bis heute nicht auf diese Hardwareausstattung kam und sich nur mit Wischgesten bedienen lässt? Die neuen Softwareplattformen iOS 13 und iPadOS 13 zeigen hier einen sehr deutlichen Weg auf. 3D Touch ist im Moment noch nicht ganz tot, stirbt aber ganz langsam. Beide Softwareplattformen lassen nämlich durch drei neue Wischgesten Text markieren, ausschneiden und einfügen – ganz ohne Druck auf das Display über einen einzelnen, angestrengten Daumen. Schade, aber 3D Touch ist tot – wenn auch erst richtig mit neuen iPhone-Modellen…

Es ist sehr schwierig Produkte von Marketing-Fokusgruppen kreieren zu lassen. Oftmals wissen Menschen nicht, was sie wollen, bis man es ihnen zeigt.

∼ Steve Jobs ∼


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