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Wir leben heute in einer ganz fantastischen Zeit. Das Angebot ist riesig und das bedeutet auch, dass wir im Supermarkt auch im tiefsten Winter frische Himbeeren von irgendwoher kaufen können. Ja, das Angebot ist wirklich riesig und lässt uns tagtäglich aus dem Vollen schöpfen. Heute betrachtet, verläuft unser Alltag heute ganz anders als noch vor 10 Jahren. Nicht nur, dass einige von uns um exakt diese Jahresanzahl gealtert sind, auch die Gewohnheiten haben sich in der gleichen Zeit stark gewandelt. Heute sind wir in vielen Punkten sehr schnelllebig geworden, verwöhnt und teilweise auch überfordert. Die Digitalisierung hat uns heute zu einem reinen Konsummonster gemacht, das immer mehr will, sich nach 10 Sekunden eine oberflächliche Meinung bildet, nach kurzer Laufzeit einfach abschaltet und gnadenlose Bewertungen ins Internet stellt. Ein Verhalten, das wir vor 10 Jahren nicht an den Tag gelegt hätten und das uns heute ganz schön verwöhnt und zeitgleich auch dumm wirken lässt.

Beginnen wir doch beim iPod. Das kleine Gerät schaffte es zu Beginn 1000 Lieder zu speichern. Lieder die wir schlicht lieben und daher immer dabei haben wollen. 1000 Lieder bedeuteten schon immer eine ziemlich lange Musiklaufzeit, die man als audiophiler Mensch definitiv schafft, als normaler Musikkonsument aber eher durchskippt, statt am laufenden Band zu genießen. Diese Anzahl an Musik war nur der Beginn, denn das tragbare Musikabspielgerät konnte über die Jahre hinweg immer mehr an Musikvolumen aufnehmen und erlaubte uns somit eine immer größere, mobile Musikauswahl. Heute reden nur noch wenige über den iPod, denn das iPhone hat ihn mehr als nur abgelöst. Dennoch ist die Musik ein Thema geblieben. Viel mehr können wir heute Millionen von Musiktiteln mit uns rumschleppen – nicht wirklich lokal aber zumindest als Illusion in Form eines Abo-Modells. In der Hosentasche platziert hängt uns das Angebot an Musik heute geradezu aus den Hosenbeinen heraus und lässt uns in der Auswahl nur noch herumstolpern und meist auch nur irgendwas hören. Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen, ist hier als Metapher doch sehr passend gewählt. Die gute, alte Vinyl und auch die Kassette, sind für junge Menschen heute analoge Steinzeitmedien und daher ohne wirkliche Relevanz. Zu damaligen Zeiten boten diese Medien aber eine ganz andere Art des Konsums an, denn ein Album wurde vom Anfang bis zum Ende durchgehört – wie ein gutes Buch. Mit dem iPod war Steve Jobs aber auch der Meinung, dass man Alben zerreißen darf, um sich die Lieblingssongs herausnehmen zu können. Faktisch gut, auf Dauer ein Problem, denn wir suchen uns heute allgemein nur noch die digitale Rosinen raus und drücken alles andere direkt weg. Musik berieselt uns heute schlicht nur noch, weil es ein millionenfaches Konsumprodukt ist, das weniger nach Geschmack, sondern nach Masse vertilgt wird. Selten sind wir an eine Sammelleidenschaft der Musik gebunden, denn für durchschnittliche 10€ pro Monat steht uns die ganze Musikwelt zur Verfügung – gemietet und nicht als wirklicher Besitz.

Das iPhone und das iPad machen es uns im Alltag wirklich leichter, verpassen uns aber auch eine tägliche Reizüberflutung. Durch diese Möglichkeit haben wir Zugriff auf allerhand Medien. Prinzipiell sind wir 24 Stunden am Tag online, verfügbar und immer präsent. Das iPhone von der Firma klingelt so auch gut und gerne in unserem Urlaub und macht uns damit auch in einer offiziellen Abwesenheit permanent anwesend –  der klassische Widerspruch in sich. Und wenn wir mal dann doch nicht das iPhone der Firma nutzen, teilen wir mit dem privaten iPhone unsere Stories auf Instagram, WhatsApp, Snapchat, Facebook und Co. Die Wahl hat man hier sicherlich selbst in der Hand und auch die Erkenntnis der Relevanz dahinter. Wir teilen uns mit und das ist vollkommen okay, denn das haben wir in unserem Leben schon immer gern getan. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Wenn wer dies nicht tun, dann scrollen wir stundenlang durch Facebook und liken was das Zeug hält. Wehe die Freunde liken das neue Selfie nicht oft genug, dann wird es gelöscht und einige Stunden später durch ein neues Selfie ersetzt. iPhone und iPad haben wir gefühlt den ganzen Tag in der Hand. Auf der einen Seite ist das gut und auf der anderen Seite auch eine Problematik für sich. Klar ist, dass sich Medien verändert haben und eine Tageszeitung heute auf einem iPad gelesen werden kann. Ebenfalls müssen wir auch keine CD’s und Fotoalben mehr in die Regale stellen, denn die digitalen Medien erlauben uns das Ablegen und die Auswahl dieser Medienarten zu jeder Zeit und an fast jedem Ort. Allerdings macht uns das immer noch zu einem Konsummonster der neuen Welt, denn wir können nie genug bekommen. Schlimmer noch – wir reagieren und bewerten Medien ohne erkenntlichen Sinn dahinter.

Das Problem ist der Überfluss an Medien und die damit verbundenen Auswahl. In einem zu vollen Kühlschrank findest du selbst beim größten Hunger nicht das passende zu essen, weil du einfach verwöhnt bist. So beginnt mancher Couchabend mit einer einstündigen Filmsuche auf Netflix und endet dann doch oft im Frust. Musikalben werden nicht mehr, wie es sich der Künstler/die Künstlerin dachte, an einem Stück gehört – wie man es mit einem Buch machen würde – sondern gnadenlos zerrissen, in Playlisten geknallt und durcheinander einfach zur Berieselung gespielt. Die digitalen Rosinen lassen uns die vielleicht besten Songs auf dem Album also schlicht ganz vergessen. Und warum? Weil wir es können! Wir leben in einem digitalen Luxus und haben damit zugleich auch ein digitales Luxusproblem. Wir haben alles griffbereit, denn es ist meist nur zwei Schaltflächen entfernt. Dennoch realisieren wir nicht, dass es um Inhalte geht, für deren Erstellung Zeit, Kraft und auch Geld investiert wurde. Was uns wieder das gnadenlose Konsummonster werden lässt. Es muss alles kostenlos sein. Wehe die eine App kostet 0,99€, dann drehen wir ab. Das erlaubt uns heute auch Spiele für 9,99€ im AppStore in reiner Anbetracht des Preises negativ zu bewerten – ohne, dass man das Spiel je wirklich kaufen würde oder auch nur den Gedanken an einen Kauf hätte. Wir bewerten Dinge heute schlicht aus dem Bauch heraus, die meisten dabei eher mit Bauchschmerzen. Digitale Güter sind nur noch klickbare Dinge geworden, welche keinerlei Besitzgefühl mehr auslösen und somit als schnelllebiges Medium gelten. Software soll heute bitte nichts mehr kosten, denn das subventionierte iPhone war doch schon so teuer und muss jeden Monat bezahlt werden. Was für das subventionierte iPhone vielleicht gilt, gilt nicht für die Allgemeinheit, denn das Leben ist keine Flatrate. Digitale Musik, Filme, Bücher und auch Apps haben uns an eine Schmerzgrenze der Realisierung gebracht und das eher unbewusst statt bewusst. Wieso entscheiden wir heute so grenzwertig? Ist es wirklich der Überfluss an Inhalten, der uns schlicht überfordert und uns daher vom Jäger und Sammler zu einem innerlich gejagten Sammler macht? Oder sind wir einfach nur verwöhnt und entscheiden aus Trotz, Spot und Geiz?

Fakt ist, dass Inhalte jeglicher Form ihr Geld kosten. Der dafür festgelegte Preis ist immer eine Kalkulation aus investierter Zeit, Kraft und auch Geld, was dem Ersteller, egal ob Musikproduzent, Filmemacher, Buchautor oder Softwareentwickler, am Ende ermöglicht zu leben bzw. zu überleben. Digitale Inhalte sind also nicht nur ein Mittel zum Zeitvertreib für jeden einzelnen, sondern auf der anderen Seite auch ein Mittel zum Geldverdienen und Geld verdienen muss jeder in der Gesellschaft, egal welchen Beruf er am Ende ausübt. Unser überhebliches Luxusproblem und die Entscheidungen und das Verhalten dahinter schadet daher jedem der Inhalte dieser Art erstellt. Damit erniedrigt der kleine Mann den anderen kleinen Mann. Und wieso? Weil er es kann! Das Flatrateleben ist keine Einstellung, sondern mittlerweile eine Fehlstellung in der Gesellschaft. Unser verwöhnter Anspruch macht nicht nur digitale Medien in gewissem Maße schlecht, sondern zerstört auch Arbeitsplätze und die Menschen dahinter. Und wieso? Weil wir es können! Uns geht es einfach zu gut und exakt das ist bei allen Luxusproblemen einfach Fakt. Unerheblich welchen Beruf jeder ausübt, kann sich jeder die eine Frage stellen.

„Würde ich für umsonst jeden Tag meine Arbeit leisten?“

Mit großer Sicherheit würden 100% der Menschen die Frage mit „Nein“ beantworten, sofern es kein ehrenamtlicher Posten ist. Das Problem sind daher nicht die anderen, sondern man selbst. Wir leben mit einer täglichen Reizüberflutung. Wir liken und kommentieren was das Zeug hält – leider meist nicht mit der angemessenen Grammatik und Rechtschreibung, die es für eine ernsthafte Kommunikation braucht. Aber das scheint heute sowieso egal zu sein, denn wer nicht schreiben kann, nutzt einfach mehr Smilies. Grundlegende Regeln des Lebens gelten für uns online scheinbar gar nicht mehr, denn wir sind ja meist anonym unterwegs – denken wir zumindest. Das eine Kommentar hier und die eine Bewertung da. Hauptsache unsere Meinung ist gesetzt. Und warum? Weil wir es können! Wir sind in unserem Onlineverhalten und unserem digitalen Konsum an einer Grenzwertigkeit angekommen, die uns als Menschheit ziemlich primitiv wirken lässt. Was uns fehlt ist die Wertschätzung und der nötige Respekt im virtuellen Umfeld. Hinter publizierten Inhalten sitzen Menschen und auch hinter Kommentaren sitzt ein Mensch als Individuum für sich. Dass nicht jeder den gleichen Geschmack hat, zeigt die Vielfalt an medialen Inhalten und exakt dadurch kann auch jeder seine Interessen verfolgen. So wie wir uns teilweise online verhalten, würden wir uns in der Realität niemals verhalten. Wir hätten nichtmal den Mumm Luft zu holen, um überhaupt ein Wort von uns zu lassen. In der Realität betrachtet würden Kommentare und Bewertungen daher viel konstruktiver ausfallen, denn wir würden niemals unsere Person in der Öffentlichkeit als minderwertig und kurzdenkerisch präsentieren. Online stehen wir teilweise scheinbar gerne als dummer Charakter dar und machen uns damit unglaubwürdig und auch uninteressant. Unser digitaler Konsum und auch das damit verbundene Verhalten ist ein Luxusproblem. Wir können diesen Luxus definitiv weiterhin in vollen Zügen genießen, mit dem falschen Verhalten, aber niemals eine ernsthafte Bereicherung darin finden.

Überflüssiges kostet uns immer viel viel mehr als es wert ist. –Ernst Ferstl–

 


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