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Der Mensch ist eine Gattung die permanent von der Neugier, dem Jagdtrieb aber auch dem Sammlertrieb besetzt ist. Wir möchten alles wissen oder besitzen und dies manchmal auch zu einem hohen aber zu Beginn nicht sichtbaren Preis. Der heutige Mensch ist daher eine Gattung welche die Konnektivität als Lebenseinstellung besitzt und Zugang zu allem haben möchte – und auch dies manchmal zu einem hohen Preis. Unser Alltag ist heute zwar noch Realität und doch spielt sich zum größten Teil alles in einem virtuellen Umfeld ab. Kommunikation erfolgt heute zum Beispiel fast nur noch in digitaler Art, Shoppingtouren führen wir auch noch in der tiefsten Nacht mit einem Tipp auf einem Display durch und Dating-Apps haben uns gelernt über menschliche Grenzen der Intimität hinweg zu sehen. Es gibt Fragen die lassen sich nicht mit Ja oder Nein beantworten und auch die Frage “Wie viel Smartphone ist eigentlich gut für uns?” fällt genau in dieses Raster.

Die gute, alte Zeit. Gute? Alte! Naja, solche Sprüche kennt jeder von uns, oder? Ob früher aber wirklich immer alles besser war? Ich weiß ja nicht. Mehr oder weniger war es früher nur anders und gerade im digitalen Sektor hat sich zum Früher eigentlich alles geändert, wodurch früher vielleicht alles doch eher schlechter war. Dennoch bringen Veränderungen auch weitere Veränderungen mit und lösen eine Kettenreaktion der Umstände aus. Was aus heutiger Sicht im Früher besser erscheint, war früher Normalität, angekommen an dem derzeitigen Höhepunkt. Fakt ist, dass jeglicher Zeitepoche seine Vorzüge aber auch Nachteile hat bzw. hatte und jeglicher Umgang darin auch eine Festigung von Abhängigkeiten mit sich brachte. Im digitalen Sektor besaßen wir Dinge, die unsere Eltern in der gleichen Altersspanne nicht besaßen – weil es diese Errungenschaften schlicht (noch) nicht gab. Was für unsere Eltern als Höhepunkt der Konnektivität das Telefon war, ist für uns heute das Smartphone in der Hosentasche.

Wir leben im Überfluss und da muss man manchmal gar nicht weit schauen, um das zu verstehen. Um sich vor 20 Jahren zu verabreden, benötigte man den Zugang zu einem Telefon. Man rief sich an, unterhielt, verabredete und traf sich. So natürlich im Idealfall. Die digitale Kommunikation war ein Hilfsmittel des Realitätsumgangs und verband dadurch Menschen auf der ganzen Welt miteinander. Zwischenmenschliche Kommunikation war damals erstmals auch über weitere Distanzen möglich und ließ auch den allgemeinen, weltweiten Informationsfluss rasant an Fahrt aufnehmen. Das Telefon ist daher mit Sicherheit eine der größten Erfindungen der Menschheit und heute eine Selbstverständlichkeit. Das Verbinden mit Menschen rund um den Erdball war uns so wichtig, dass die Telefonie stetig weiterentwickelt wurden. Unsere Telefone verloren zu Hause das Kabel, die Wählscheibe und wurden zu tragbaren, kabellosen und akkubetriebenen Telefongeräte. Das Telefon hatte zu Hause dadurch auch keinen festen Platz mehr – an dem früher gut und gerne auch eine gepolsterte Sitzmöglichkeit und mehrere Telefonbücher parat waren. Nummern konnten erstmals auch digital über ein Nummernfeld gewählt aber auch in einem Kurzwahlspeicher abgelegt werden. Das Telefon verlor aber noch mehr seinen Platz im eigenen Zuhause und wurde erstmals auch mobil nutzbar. Die ersten tragbaren Mobiltelefone waren groß, klobig und teuer. Dennoch erfüllten sie den einen wirklichen Zweck – man war unterwegs und zu jeder Zeit erreichbar und mit seinen Mitmenschen verbunden. Das war uns soviel wert, dass sogar ganze Kofferräume von PKWs mit Funktechnologie belagert wurden, nur damit man auch unterwegs im Auto telefonieren konnte. Das alles zu einem hohen Preis, denn nicht nur die Anschaffungskosten von mobiler Telefontechnik war immens teuer, auch die Gebühren der Verbindungen beim mobilen Telefonieren selbst.

Wir haben diese Technologie verfeinert, verkleinert und finden sie heute sogar am Handgelenk wieder. Heute ist Telefonieren eine Selbstverständlichkeit geblieben, aber in Bezug auf andere digitale Kommunikationswege, mehr oder weniger in den zweiten Rang abgerutscht. Telefonieren können wir heute schnell und einfach, nur getan wird es im Durchschnitt eher weniger. Grund dafür ist die Evolution des Telefons. Ein Smartphone in der Hosentasche betitelt noch ansatzweise die Funktion des Gerätes, wohin gegen sein Nutzen komplett von dieser Namensgebung abschweift. Das tragbare Mobiltelefon aus alten Zeiten verlor sein klobiges Aussehen, seine Hardwaretasten und sein graues Plastikgehäuse – es ist heute ein Kommunikationsgerät bestehend aus einem Farbdisplay, eingefasst in Glas und Metall. Wer würde in diesem Blickwinkel da noch an ein Telefonat denken? Unser Smartphone ist heute so wichtig wie der Schlüssel und der Geldbeutel und ohne diese drei Dinge geht heute eigentlich niemand mehr aus dem Haus. In manchen fällen hat das mobile Gerät sogar den Schlüssel und den Geldbeutel ersetzt, da mit ihm auch das Öffnen von smarten Türschlössern und das kontaktlosen Bezahlen möglich ist. Unser Handy – welch altes Gebrauchswort – ist heute somit vieles in einem und ermöglicht uns freie Hand in unserer Interaktion und Kommunikation und macht uns zeitgleich auch 24 Stunden am Tag abhängig.

Das Internet ist und bleibt eine großartige Erfindung. Nie war die Menschheit so informiert wie durch das Internet. Es kommt halt immer drauf an wie man Werkzeuge einsetzt, aber das Internet ist ein großartiges Werkzeug, dass wir ebenfalls mit einer großen Selbstverständlichkeit nutzen – permanent sogar. Diese Selbstverständlichkeit bemerken wir erst, wenn wir offline sind. Das sind wir nicht oft, oder? Doch und zwar immer dann, wenn etwas nicht funktionieren will und das beginnt schon dann, wenn WhatsApp für eine Stunde ausfällt und die Nutzer nicht mehr mit ihren Kontakten agieren können. Wir loggen uns heute also schlicht nicht mehr über einen Softwarebutton im Internet aus, wie wir das in den 90er Jahren noch am Computer getan haben, sondern sind permanent online, verfügbar und auch abhängig. Ein Griff zum Smartphone und wir haben sinnbildlich die ganze Welt in der Hand. Klingt übertrieben, oder? Mit etwas Weitblick aber nicht, denn der Zugriff auch unzählige Informationen lässt das Bild klarer wirken. Zur Recherche müssen wir in keine Bibliotheken mehr rennen (wenn auch nur noch in Ausnahmefällen), Kontakte knüpfen und pflegen wir zu jeder Tageszeit in Text-, Bild-, Ton- und Videoform, Einkäufe erledigen wir mit wenigen Displayberührungen und unser eigenes Ich setzten wir mit Selfies auf einen höheren Nenner der Illusionen. Ja, wir sind schon sehr fortschrittlich geworden – und zeitgleich vielleicht auch etwas verblödet.

Abhängigkeit ist immer eine Frage der Definition. Oder wie es sage: “Du kannst es treiben und auch übertreiben.”. Alles hat sein Maß der Dinge. Viel mehr sollte und muss es ein Maß für gewisse Dinge geben und die Benutzung des Smartphone sollte da mehr oder weniger an Platz 1 der heutigen Zeit stehen. Wir halten es nämlich wirklich permanent in der Hand. Meist ohne, dass es uns überhaupt zu diesem Zeitpunkt aktiv bewusst ist. Mehr oder weniger ist es ein Reflex. Wir haben das Bedürfnis immer dabei sein zu wollen, nichts zu verpassen und am Puls des Geschehens dabei sein zu müssen. Wir wollen dazugehören, mitreden können und ein Teil sein. Pushnachrichten verstärken diesen Trieb, in dem sie und akustisch und und ein mechanisches Wachrütteln zum Kontrollieren der eingegangenen Informationswelle anheizen. Etliche Medienquellen lassen uns in einem Strudel der imaginären Zeitverschwendung und Konsums permanent das Wasser über die Ohren steigen und wir bemerken meist erst zu spät, dass wir kaum noch Luft für andere Dinge bekommen. Das Smartphone kann unbenutzt neben uns liegen und doch haben wir den Drang danach zu greifen und zu sehen, ob der- oder diejenige schon die letzte Nachricht beantwortet oder nur gelesen hat. Facebook ist, und da muss man kein großes Faß für aufmachen, der größte zeitraubende Aspekt der Smartphonenutzung – in wie weit diese Plattform aber überhaupt noch eine Relevanz darstellt bleibt ein Thema für sich. Allgemein sind soziale Onlineplattformen ein Zeitfresser und sozialer Abstieg, werden sie im Alltag dem realen Umfeld vorgezogen und in einem Dauerkonsum genutzt. Sind wir in der Vielfalt der Onlinepräsenz also nicht alle kleine Gefangene für sich, die zwar versuchen auszubrechen, aber doch immer wieder einen Rückfall erleiden? Das kann sich jeder selbst beantworten, in dem er sich und sein Verhalten der eigenen Smartphonenutzung betrachtet und vielleicht auch hinterfragt. Mit Sicherheit spielt das Smartphone heute eine große Hauptrolle in unserem Tag, da teilweise nur damit Alltagsaufgaben schnell und zuverlässig abgewickelt bzw. erledigt werden können – die Kommunikation zu Mitmenschen da gar nicht ausgeschlossen. Doch das Warten auf einen Telefonrückruf in alten Zeiten, was eine Geduldsprobe und gewisse Vorfreude widerspiegelte, schaffen heute einige Menschen nicht mal 5 Minuten in der heutigen, digitalen Welt. Jeder hat heute einen blauen Lichtschimmer im Gesicht und das ist okay. Zeitungen verdeckten zu früheren Zeiten auch das Gesicht von Mitmenschen in der Masse und ließen sie dahinter in einen Konsum von Inhalten treten – heute sind es Smartphonebildschirme hinter denen die Gesichter abtauchen. Wir sind schnelllebig geworden und in vielen Dingen viel zu schnell. Klicks befriedigen einige Bedürfnisse schnell und hilfreich und doch ist das nächste schnelle Bedürfnis zum wegklicken da. Das Angebot alles und zu jeder Zeit verfügbar zu haben, lässt uns zeitgleich auch weiterhin das Wasser bis zu den Ohren stehen. Sollte es also nicht wichtig sein, ab und an aus den blauen Displaygewässern aufzutauchen und sich das reale Umfeld zu betrachten?

Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal geschafft.

∼ Mark Twain


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