Die-iPhone-Drosselung-Artikelbild Die iPhone-Drosselung

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Du kannst jemandem einen Anspruch von etwas wegnehmen und bekommst in diesem Moment den größten Ärger. So oder so ähnlich könnte man es in der Praxis erklären und jeder hat dabei sicher ein Kind im Kopf, dem man seinen Lolli wegnimmt. Mehr oder weniger so macht bzw. hat es Apple auch mit seinen Kunden getan. Eine Legende die man als Nutzer immer geahnt hat, hat sich letzten Endes bestätigt. Ein iPhone wird nach einem Update langsamer. Doch was ist die Wahrheit hinter alle diesem?

Alles begann im Oktober 2017. John Poole von Primate Labs veröffentlichte eine Studie über die getestete Leistung von iPhone-Modellen unter dem Geekbench-Programm – einer iOS-App zu Analyse der Geräteperformance. Für die Studie nutzte John Poole nur die Modelle des iPhone 6s und iPhone 7. Beide Gerätegenerationen wurden dabei unter unterschiedlichen iOS-Versionierungen auf ihre Leistung hinweg getestet und erreichten dabei immer einen anderen Wert. Der größte Unterschied fiel dabei zwischen der iOS-Version 10.2.0 und 10.2.1 auf.  Leistungsschwankungen zwischen den jährlichen, großen iOS-Versionen können noch plausibel und relevant klingen, doch bei einem solch kleinen Versionsunterschied wirkte diese Schwankung doch schon sehr rätselhaft. In der Updatebeschreibung für iOS 10.2.1 ließ Apple verlauten, dass die Energieverwaltung bei starker Arbeitslast verbessert wurde, um ein unerwartetes Ausschalten des iPhone zu vermeiden. Kein Zufall, denn das iPhone 6 und iPhone 6s konnte sich gut und gerne plötzlich ausschalten – bei unterschiedlichen prozentualen Akkuständen und vor allem gerne bei kälteren Umgebungstemperaturen. Doch wieso fiel auch das iPhone 7 unter diese Schwankungen? John Poole hat für seine Studie allerdings auch ein iPhone 5s dauerhaft getestet. Das Ergebnis war hier anders, denn von April 2016 bis September 2017 blieb die Leistung dieses Gerätes unter allen iOS-Versionierungen konstant und stabil. Die Schwankungen gelten also nicht für alle iPhone-Modelle.

Ein Betriebssystemupdate kann mehr Ressourcen verbrauchen, da die Software neue Features enthält, welche genau diese Leistungsressourcen in Anspruch nehmen. Technisch wird ein Gerät nicht langsamer und die Hardware arbeitet mit der gleichen Leistung wie zuvor, allerdings muss ältere Hardware mehr arbeiten, um die neuen Betriebssystemversionen am laufen zu halten. In der Praxis kann ein Gerät nach einigen Jahren also langsamer wirken – auch wenn die Hardware selbst nie leistungsschwächer wurde. Unter iOS 10.2.1 fiel allerdings auf, dass die Hardware, und das ist in dem Fall der Prozessor, gedrosselt wurde. Das plötzliche Ausschalten eines iPhone 6 und iPhone 6s hat mit den auftretenden Leistungsspitzen zu tun. Der Prozessor benötigt für seine Arbeit eine gewisse Spannung, die er vom Akku bezieht. Sind diese Leistungsspitzen zu hoch und wird der Akku damit zu sehr belastet, kann sich ein iPhone zum Eigenschutz ausschalten. So ist die Theorie und so passierte es auch in der Praxis. Mit dem Update auf iOS 10.2.1 wollte Apple genau diese Leistungsspitze in den Griff bekommen und das plötzliche Ausschalten der iPhone-Geräte beseitigen. Das glückte in manchen Fällen sicherlich, doch andere kamen dennoch nicht um einen Tausch des gesamten Gerätes drumherum – wozu Apple unter Kulanz oftmals bereit war.

Dennoch fiel in der Studie auf, das Apple jedes iPhone 6, iPhone 6s und iPhone 7 ab iOS 10.2.1 in seiner Leistung gedrosselt hat. Allerdings fällt dies erst auf, wenn die Geräte älter werden und sich die Ladezyklen des Akkus erhöhen. Jeder Akku, egal in welchem Gerät er verbaut sein mag, erlebt über seine Lebensdauer hinweg einen chemischen Zerfall, wodurch er an Kapazität und zugleich Leistung verliert. Schuld daran sind die Anzahl der Ladezyklen, denn jedes Auf- und Entladen fördert den chemischen Alterungsprozess. Mit iOS 10.2.1 hat Apple somit heimlich, still und leise eine Drosselung der iPhone-Leistung eingebaut, sollte der Akku ein bestimmtes Alter aufweisen. Das klingt in erster Linie technisch plausibel, in zweiter Linie aber vollkommen unangebracht. Fakt ist, dass der Benutzer die volle Leistung seines Gerätes erwartet und im Falle einer für ihn sichtbaren Verlangsamung des Gerätes von einem defekt des gesamten Gerätes ausgeht und nicht lediglich einen Austausch des Akkus betrachtet. In diesem Fall wird das Gerät schlicht ungewollt gedrosselt und der Kunde bekommt dies nicht mit. Anders wie beim Energiesparmodus von iOS, für den sich der Nutzer frei entscheiden kann und auch gewisse Meldungen dafür angezeigt bekommt.

Fakt ist, dass ein Akku altert und irgendwann an einem Punkt ankommt an dem er durch einen neuen Akku ersetzt werden muss. Fakt ist, dass Apple mit iOS 10.2.1 versucht hat die Abschaltung von Geräten unter eine Leistungsspitze zu beseitigen. Fakt ist, dass Apple dadurch jedes iPhone SE, iPhone 6, iPhone 6s und iPhone 7 drosselt, sollte der Akku nicht mehr die nötige Leistung bringen. Und Fakt ist auch, dass Apple genau dies zuvor nicht offiziell kommuniziert, einfach still und heimlich vollzogen hat und sich nun ertappt fühlt. Im Nachhinein kommuniziert Apple hier einige Dinge genauer und lässt auch verlauten, dass ab iOS 10.2.1 eine Meldung auf dem Gerät erscheinen kann, wenn das System bemerkt, dass der verbaute Akku an eine zu hohen Verschleißgrenze angekommen ist und besser ersetzt werden sollte. Und im Nachhinein lässt der Konzern auch von sich, dass die Drosselung technische Hintergründe hat, um die Abschaltprobleme zu beseitigen. Das mag alles plausibel klingen und dennoch hätte man solche Dinge offiziell und direkt kommunizieren können. Allein schon, um die Masse an Nutzern nicht zu verwirren – denn das sind sie derzeit.

Apple hat seine Fehler mehr oder weniger eingeräumt und Verbesserungen angekündigt. Der Kunde und Nutzer eines iPhone 6 und iPhone 6s (inklusive der Plus-Modelle) kann für insgesamt 29€ seinen Akku bei Apple tauschen lassen. Der verbaute Akku wird dafür bei Apple erst auf seine noch verfügbare Kapazität kontrolliert und bei Bedarf dann getauscht. In diesem Fall ist nicht nur die Akkulaufzeit wieder wesentlich länger, auch die Leistung des Gerätes wird wieder auf den Urzustand zurückgesetzt – wodurch die genannten Modelle wieder mit ihrer maximalen Leistung arbeiten. Außerdem hat Apple eine Verbesserung des Betriebssystems angekündigt. Unter iOS 11.3 soll der Nutzer künftig eine Warnung erhalten, wenn der Akku an einer Verschleißgrenze angekommen ist. Im gleichen Augenblick kann der Kunde dann wahrscheinlich auch entscheiden, ob er ab diesem Punkt mit gedrosselter Leistung fortfahren möchte, damit das Gerät unter den Leistungsspitzen nicht plötzlich ausgeht, oder einfach diese Problematik eines chemischen Akkuzerfalls und die Notabschaltung des Gerätes in Kauf nimmt. Bei bestimmten Geräten oder bei älteren Batterien wird also unter Umständen bei gewissen Leistungsspitzen die Leistung schlicht gedrosselt, um eine möglichst gute Kombination aus Akkulaufzeit und Leistung zu besitzen. Es ist somit keine Absicht von Apple die Geräte künstlich zu verlangsamen, sondern dem Kunden auch unter nicht optimalen Bedienungen, auf Grund der Gerätealterung, noch das bestmögliche Erlebnis bieten zu können. Denn natürlich möchte der Konzern, dass man nach einigen Jahren wieder zu einem neuen iPhone greift und als Kunde erhalten bleibt. Technisch macht diese Drosselung also wirklich Sinn – nur kommunizieren sollte man es und der Nutzer muss es auch auf Anhieb korrekt verstehen.

Jeder Mensch macht Fehler. Das Kunststück liegt darin, sie dann zu machen, wenn keiner zuschaut.

∼ Sir Peter Ustinov ∼


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