Blickt man auf das Geschehen der letzten Wochen zurück, verliert man heute fast den Durchblick darüber, wo, wann und wie diese Diskussion eigentlich genau begonnen hat. Es fielen so viele Namen, wie HEY, Epic, Fortnite, Microsoft, Xbox, Google und natürlich auch Apple und deren App Store. In allen Fällen war auch die intransparente “30%-Sache” ein Thema. Aber worum genau geht es dabei überhaupt?

Die-undurchsichtige-30-Sache-scaled Die 30%-Sache

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Podcast_Badge_Transparent Die 30%-Sache

Apple und der App Store

Im Prinzip geht es um Folgendes: Apple gehört der App Store. Dieser ist der einzige Zugang, um Apps auf iPhone und iPad bringen zu können. Das ist seit 2008 so und bis heute der Fall. Entwickler von Software haben die Möglichkeit mit Hilfe des Apple Developer Programm ihre App zu programmieren, zu testen und dann weltweit im App Store zugänglich zu machen. Natürlich braucht es für all dies weiterhin einen Mac, denn Xcode ist nur für den Mac verfügbar. Auch wenn das iPad hier mittlerweile vielleicht ein recht guter Kandidat wäre (hier fehlt derzeit die Pro-Software für das iPad). Der Zugang zum Apple Developer Programm kostet pro Jahr 99 €. Dadurch stehen dem Nutzer dann aber auch etliche Türen offen, um die von Apple bereitgestellten Schnittstellen für die eigenen Apps nutzen zu können. Man zahlt also für das Öffnen einer Tür, hinter der man weltweit Millionen von iPhone- und iPad-Nutzern erreicht.

Apps können immer auf zwei Wegen angeboten werden. Zum einen wäre da das kostenlose Bereitstellen: Meist werden diese Apps gratis angeboten, weil sie Teil eines Services sind. Sie werden also dafür genutzt, um ein gekauftes Produkt oder einen Dienst nutzen zu können. Die App ist somit das Werkzeug zu dem Dienst und wird daher in der Regel kostenlos angeboten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch kostenpflichtige Apps. Sie bezahlt man durch einen Einmalkauf. Mittlerweile greift hier aber immer mehr das Abo-Modell. Dieses hat den Vorteil, dass App-Nutzer für die Inanspruchnahme monatlich zahlen und Entwickler und Nutzer dauerhaft von der Weiterentwicklung und Pflege des Dienstes profitieren. Doch hier möchte Apple auch ganz gerne ein wenig mitverdienen.

„70 % für dich und 30 % für mich.“

Wer Inhaber eines Geschäfts ist, der verdient mit der Provision beim Verkauf von Produkten. Apple besitzt mit dem App Store ein Onlinegeschäft für Software, welcher explizit für das iPhone und iPad zugeschnittene Software anbietet. Möchte man also Software für iPhone und/oder iPad installieren, so muss man sie im App Store suchen und herunterladen. Da Apple der Geschäftseigentümer ist, muss Apple auch die Kosten für dieses System tragen. Das sind keine Aufwendungen wie bspw. die Miete eines realen Ladengeschäfts, sondern Kosten für den Server, auf denen zum Beispiel das ganze App Store Backend läuft. Auch die Mitarbeiter, welche dem App Store Team angehören und neu eingereichte Apps prüfen und dann durchwinken, müssen jeden Monat entlohnt werden. Und natürlich ist es auch der ganze Transfer von Geld zwischen Kunden und App-Entwicklern, den Apple über den App Store abwickeln muss.

Als Entwickler öffnet man sich also mit einem Developer Account nicht nur eine Tür zu Millionen von Kunden, sondern bekommt auch vieles der Buchführung und Analysen direkt abgenommen. Man erhält somit ein Rundum-sorglos-Paket und kann alles im Web und in einer App einsehen und verwalten. Apple verlangt hier seit Beginn des App Stores eine gewöhnliche Provision. 70 % gehen an den Entwickler und 30 % behält sich Apple ein. Kauft ein Kunde also im App Store eine App für 1,00 €, so erhält der App-Entwickler 0,70 € davon und Apple 0,30 €. Klingt das bis hierhin fair?

In-App-Käufe und digitale Güter – keine Ausnahme

Was für den direkten Kauf von Apps geht, gilt aber auch für den In-App-Kauf. Ein In-App-Kauf ist ein in einer App getätigter Kauf. Bei Spiele-Apps können das Zusatzoptionen sein, damit man im Spiel schneller voranschreitet – Schlumpfbeeren und Co. eben. Allerdings kann ein In-App-Kauf auch der Abschluss eines App-Abos sein. Und auch der Verkauf von digitalen Gütern fällt in diesen Bereich. Klickt man sich also ein Abo in einer App oder kauft man sich in einer App beispielsweise einen Yogakurs, so gilt der Yogakurs als digitales Gut und beides fällt ebenfalls in die 70/30-Sparte. Auch der Verkauf von Büchern im Bücher Store von Apple wird so gehandhabt. Jeder Buchautor wird somit wie ein App-Entwickler behandelt und sein Buchverkauf mit der “intransparenten 30%-Sache” behandelt. So undurchsichtig ist sie aber gar nicht, oder?

“Wir behandeln alle App-Entwickler und alle Apps gleich.“ – Tim Cook

Dies ist immer wieder eine Aussage von Apple. Und lange haben wir sie auch so hingenommen und auch geglaubt. Egal, ob du ein kleiner neuer App-Entwickler oder der große Player bist, der seit Jahren schon ein Profi in diesem Segment ist: Beide sitzen im gleichen App Store Regal und sind von außen gleichbehandelt zu sehen. Allerdings wissen wir mittlerweile, dass es eben nicht so ist. So gab es in der Vergangenheit viele Streitpunkte zwischen Apple, Amazon, Netflix und Spotify. Diese waren nicht bereit, die 30%-Sache zu akzeptieren. Netflix wollte somit keine 30 % an Apple abdrücken, wenn ein Kunde ein Netflix-Abo in der App auf dem iPhone oder iPad abschließt. Ja, auch ein Abo dieser Art ist ein digitales Gut und fällt damit in die 30%-Sache hinein.

Auch Spotify und Amazon wehrten sich in den letzten Jahre dagegen. Ein Grund, weshalb Amazon Prime lange Jahre nicht auf dem Apple TV landete. Auch der App Store des Apple TV arbeitet natürlich mit der 30%-Sache und streicht somit Geld für Apple ein. Ein geklicktes TV-Abo auf dem Fernseher ist ebenfalls ein digitales Gut. Solche Anbieter erlauben infolgedessen oftmals nicht das Abschließen eines Abos in der App, sondern nur das Einloggen mit seinen Accountdaten. In der Praxis bedeutet dies, dass man ein Netflix-Abo im Web abschließen muss und sich mit diesen Accountdaten dann im Anschluss auf allen Apps einloggen kann. So umgeht Netflix einfach die 30%-Sache und streicht den kompletten Umsatz für sich selbst ein. Spotify geht den gleichen Weg und Amazon bis vor kurzer Zeit ebenfalls. Doch inzwischen ist Amazon Prime auch auf dem Apple TV verfügbar und mittlerweile kennen wir auch die Hintergründe, wieso dies so lange gedauert hat.

“That‘s business.“ – Jeff Bezos

Apple und Amazon haben lange miteinander verhandelt, da Amazon nicht mit der 30%-Sache einverstanden war. Allerdings gilt diese Regel nun einmal für alle – ob klein oder groß. Amazon hat aber einen eigenen Deal erhalten: Sie bekommen stolze 85 % und Apple nur 15 % des Geldes. Und genau dieser Deal ist Verrat an allen anderen Anbietern von Apps. Denn damit ist der Leitspruch, dass alle Apps und alle Entwickler gleichbehandelt werden, schlicht hinfällig und auch gelogen. Transparenzberichte wären nett, wenn sie am Ende auch für alle stimmen würden. Leider sind dies immer Informationen, welche ganz am Rande herauskommen. In diesem Fall jedoch ganz öffentlich bei einer Anhörung von Tim Cook im US-Kongress. Wenn man also sagt, dass alle Entwickler und alle Apps gleichbehandelt werden, Amazon beispielsweise aber nur 15 % an Provision an Apple abgeben muss und alle anderen 30 %, dann ist das Schönreden schlicht eine öffentliche Lüge – mit einem sehr bitteren Beigeschmack auf das Gesamtbild. Und unfair den anderen gegenüber ist es auch.

Jeder Buchautor kennt die 30%-Sache ganz genau.

Wenn man Buchautor ist und sein Werk im Apple Bücher Store zum Verkauf anbietet, dann fällt man automatisch in den Sektor der digitalen Güter. Ich für meinen Fall gebe bei jedem Buchverkauf 30 % an Apple ab (⇒LINK). Die restlichen 70 % verbleiben bei mir. Dieser Restbetrag wird dann noch als Einnahme versteuert, wodurch dann natürlich weniger als die 70 % des Verkaufspreises als Gewinn übrig bleiben. Nun gibt es hier aber andere Autoren, die sich über diese Vorgehensweise beschweren. Allerdings ist diese Beschwerde hinfällig, wenn man genauer hinschaut. Welcher Buchautor kann sein Werk direkt an eine millionenfache Kundschaft bringen, ohne dabei vorher zu einem Buchverlag rennen zu müssen? Ich meine, wissen einige eigentlich, wie das Verlegen von Büchern regulär funktioniert?

In der Regel verdient hier nur der Verlag, nicht der Autor. Es sei denn, man schreibt den nächsten großen Phantasieroman, dann macht es die Stückzahl des Verkaufs und der Autor kann sich freuen. Im Sinne von Büchern im Apple Bücher Store ist es aber Apple, der die Rolle des Verlags übernimmt. Es nimmt das Buch an, stellt es in das digitale Bücherregal und kümmert sich um einfach alles. Den Verkauf, die Abwicklung, die Auszahlung – einfach alles. Wo ist also das Problem? Oder ist es am Ende nur der Geiz und die Kurzsicht, die einen zu Beschwerden führen?

Derweil an anderen Ufern …

Als Kunde im App Store oder auch im Apple Bücher Store kümmert einen nur der Endpreis des digitalen Gutes. Es interessiert einen nicht, ob und wie viel der Entwickler und wie viel Apple am Ende davon bekommen. Auf der anderen Seite sieht es aber vielleicht anders aus. Der Entwickler möchte verdienen und Apple gleichermaßen auch. Das ist legitim oder nicht? Doch wenn sich Anbieter von digitalen Güter beschweren, dass Apples Anteil von 30 % zu hoch ist, wieso schaut man sich im gleichen Zuge nicht auch einmal woanders um? Hier ein paar Zahlen anderer Firmen, die digitale Güter in ihrem Onlinestore verkaufen:

  • Microsoft Store – 30 %
  • PlayStation Store – 30 %
  • xbox Games Store – 30 %
  • Nintendo Shop – 30 %
  • Steam – 30 %
  • Google Play Store – 30 %

Bis auf Epic, welche sich mit Apple um die 30%-Sache für In-App-Käufe streiten, verlangen alle anderen großen Firmen ebenfalls 30 % an Provision. Klar, das ist jedem seine eigene Entscheidung und kann auch von jedem jederzeit geändert werden. Epic hat sich so zum Beispiel für eine 12%-Stufe entschieden. Doch wenn man sich als Entwickler wie Epic über Apple und deren 30%-Sache aufregt, wieso geht man im gleichen Zuge nicht auch gegen Nintendo, Sony und Microsoft vor? Ich meine, wenn man sich schon beschwert, wieso nicht konkret bei allen? Oder ist es am Ende nur PR, weil es keine schlechte PR gibt? Sony hat erst vor kurzer Zeit einen 250-Millionen-Dollar-Deal mit Epic abgeschlossen und sich somit einen Anteil an Fortnite-Entwicklern gesichert. Und ich würde niemals behaupten, dass dies der Grund ist, wieso man sich seitens Epic nicht auch über die 30%-Sache im PlayStation Store lauthals aufregen würde.

Eine Lösung für alle?

Es gibt eigentlich in solchen Streitigkeiten keinen bösen und keinen braven Jungen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Im Falle von Epic hat man sich schlicht nicht an die Regeln von Apple gehalten und so den Rausschmiss der eigenen App konkret geplant. Sehr hinterhältig mit fertiger Klage, fertigem Verpöhnspot und einem eigenen Hashtag (#FreeFortnite). Man hat also gewusst, dass Apple bei Regelbruch so reagieren wird und im Ernstfall auch den Entwickleraccount komplett sperrt. Beides ist eingetroffen. Hausregeln sind nun einmal Hausregeln und wer sich nicht daran hält, der wird herausgeworfen. So würde ich das mit jedem Kunden exakt ebenfalls tun, der sich in meinem Geschäft nicht an die Regeln hält. Die Reaktion Apples ist für mich absolut gerechtfertigt. Auf der anderen Seite könnte Apple aber auch anders seine Geschäfte abwickeln und vielleicht so auch wieder einen Anreiz für den App Store für iOS, iPadOS und macOS schaffen. Denn in der Zukunft werden diese nicht unwichtiger werden, gerade weil der Mac im OS-Umschwung ist. Wie wäre es also, wenn Apple aus der 30%-Sache einfach eine 25%- oder 20%-Sache machen würde?

Lass nicht zu, dass der Lärm der Meinungen anderer deine eigene innere Stimme übertönt.

∼ Steve Jobs – ehemaliger Apple CEO

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