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Die Zeit. Das einzige Medium das wir nicht gerne an uns vorbeiziehen lassen und auch weniger gern bemessen. Sie sitzt uns permanent im Nacken und löst im Alltag damit einen ganz bestimmten Druck aus. Sie treibt uns manchmal wie Fische in ein feinmaschiges Netz aus dem wir versuchen zu entfliehen. Und immer mehr schnürt sie das Netz feinmaschiger und droht uns mit Produktivität und Zeitmanagement. Die Zeit ist ein wirklicher Killer im Alltag und wir sind sogar selbst dran Schuld.

Heute ist die Welt nicht nur permanent online, verfügbar, anwesend und wach – sie ist auch permanent im Zeitstress. Unser Tag hat wie schon immer nur 24 Stunden parat und in dieser Zeit stellen wir regeln auf, konsumieren und setzen auch Ziele. Unser digitaler Alltag ist eine feine Sache, denn wir können vieles mit nur einem Griff in die Hosentasche einsehen aber auch erledigen. Bankgeschäfte sind mit wenigen Berührungen auf dem Display erledigt, schnell haben wir über das Googeln unser Wissen erweitert und viele Apps helfen uns durch unsere tägliche Routinen zu kommen. Allerdings gibt uns dieser Griff auch immer wieder neue Aufgaben an die Hand – und das absolut unbewusst.

Wir möchten so gut es geht produktiv sein. Und allein das Wort “Produktivität” klingt schon wie eine Drohung im Ohr. Es vermittelt eigentlich permanent, dass man nicht zielstrebig genug wäre, seine Arbeit nicht gut genug und vor allem nicht schnell genug absolviert und daher als eher minderwertiger Mensch angesehen werden könnte. Das klingt hart, oder? Aber genauso denkt unser Kopf, wenn es um die Produktivität im Alltag geht. Wir möchten immer schneller sein, höher springen und weiter laufen können. Einmal mehr als wir selbst, aber vor allem im Gegensatz zu allen anderen. Denn das Leben, oder vielmehr der Alltag, wirkt für uns oft wie ein nichtendender Hürdenlauf. Die Regeln dafür machen wir uns ganz alleine und unbewusst. Der Parcours sind nicht etwa Wege über steinige Straßen, durch dichte Büsche und steile Hänge, aber manchmal kommen uns unsere aufgelegten ToDo-Punkte schon so vor, oder?

Was früher – naja, vielleicht pflegen auch heute noch viele diese Kultur – kleine, gelbe Notizblätter an einem Monitor oder einer Pinnwand waren, sind heute Punkte auf einer ToDo-Liste angelegt in einer App. Wichtige Aufgaben die es zu erledigen gilt. Am besten schon gestern und vor allem in bester Qualität. Wir stützen unseren Kopf mit Aufgabenpunkte. Das hilft uns nichts zu vergessen aber zeitgleich auch den Fokus auf Leistung und Effektivität zu setzen. Das wurde uns irgendwie so beigebracht, oder? Wir möchten halt schneller als die anderen sein und das ganz gerne auch zeigen. “Ich hab gestern Rom aufgebaut und du?” Das ist Fakt, wenn es um die allgemeine Produktivität geht. Bemessene Zeit in der so viel wie möglich passieren muss, um eine Wertschöpfung des Tages zu spüren. Nur keine Zeit verlieren, in der etwas sinnvolles hätte passieren können. Das klingt nicht nur doof – es ist auch doof.

Wir müssen wieder ruhiger werden. Wirklich ruhiger. Wir sind viel zu kurzlebig geworden. Dinge über die wir uns in früheren Zeit viel gefreut haben, sind heute nur noch kurze Augenblicke im Konsumschauer. Einzelne Tropfen nimmt man da nicht mehr war. Man ist also nicht mal kurz nass, sondern permanent durchweicht. Der Knackpunkt ist die Gesellschaft aber auch das digitale Umfeld. Wir sehen was andere Menschen machen und leisten und möchten da gerne mithalten. Also setzen wir uns Ziele in Form von ToDo-Punkten. Man muss dann plötzlich irgendwann sehr viele Dinge tun – Dinge für die man, wenn man ehrlich ist, gar keine Zeit finden wird. Denn plötzlich muss man auch das eine Buch unbedingt gelesen, dieses eine Hörbuch gehört, jene 8. Staffeln dieser Serie geschaut und diese und jene Länder und Orte bereist haben. Wo hier die Liste anfängt, ist sie allerdings noch lange nicht zu Ende. Denn das eine Buch ist noch nicht mal gekauft – oder es wurde gekauft und steht bei den anderen ganzen Büchern im Regal. Bücher die auch unbedingt mal gelesen werden mussten – aber halt nie wurden. Unsere ToDo-Punkte sind in gewissen Punkten eine Krankheit für sich, denn sie machen uns nachweißlich und merklich krank – zumindest auf lange Sicht. Sie üben Druck aus, knebeln einen und treiben uns direkt danach wieder zum nächsten oder einem neuen Aufgabenpunkt – es ist ein ToDo-Syndrom.

Vielleicht kann man der Digitalisierung hier eine große Schuld zuweisen, denn erst dadurch sind wir überhaupt in einem solch großen, verwobenen Netz, bestehend aus Milliarden von Menschen weltweit, präsent. Wir sind Konsument und Zuschauer aber auch als Publizist unterwegs. Natürlich zeigen wir gerne was wir haben und was wir machen, denn unser Ego hält uns auf trab – auch manchmal eher unbewusst. Wir sind stolz auf uns und unsere geleisteten Dinge, vielleicht auch auf unsere Freunde und Familie. Wir möchten unser Umfeld teilen und zeigen, dass es uns gut geht, das wir interessant sind und es allen so gehen kann. Die Welt ist toll, es strahlen doppelte Regenbögen am Himmel und alle tanzen zusammen im Kreis und lachen von Herzen. Im übertriebenen Sinn sind dies die Bilder die wir online sehen! So nehmen wir sie zumindest oft wahr. “Cool, was der macht! Das muss ich auch mal machen!” Gleiches gilt online für den Konsum. Was andere haben, muss man auch haben – ob man es braucht oder nicht. Wir sind doch schon sehr leicht beirrbar und leider machen wir das ganz von alleine mit uns.

Prinzipiell kann sich jeder selbst etwas in Schutz nehmen. Das geht sogar relativ einfach und schnell. Nutzer einer ToDo-App müssen das Filtern von Aufgaben und deren wirklichen Prioritäten lernen. Außerdem muss man sich schlicht selbst im Griff haben oder in den Griff bekommen. So manche Aufgabe ist vielleicht gar keine Aufgabe, sondern eher ein Ziel für eine längere Sicht. Solche Dinge gehören nicht auf eine ToDo-Liste, wo sie einen drohend anschauen – diese Dinge gehören auf eine gesonderte Liste. Dies sind Wünsche und Ziele für die Zukunft – manche nennen es auch Lebensplan. Und das Leben ist bekanntlich nicht in 7 Tagen durchzuarbeiten. Auch muss man zwischen Aufgaben und Aufgaben entscheiden, wenn es um eine ToDo-Liste geht. Ein ganz fester Baustein ist hier der Aufwand für jede einzelne Aufgabe. Es erfordert viel Disziplin, um sich hier etwas Druck zu machen aber zeitgleich auch größeren Druck zu vermeiden, aber Aufgaben die 5 Minuten Zeit in Anspruch nehmen würden, setzt man zu diesem Zeitpunkt nicht als ToDo-Punkt auf die Liste – man arbeitet diese Aufgaben sofort weg. Das ist etwas was man wirklich lernen muss, aber hat man dies einmal begriffen und verinnerlicht, dann hören ToDo-Listen teilweise von alleine auf zu wachsen. Eine blitzartige Idee bzw. eingefallener Aufgabenpunkt der nur 5 Minuten zum Erledigen benötigt, nicht aufgeschrieben, sondern direkt erledigt wird, schafft in Echtzeit ein gutes Gefühl und sorgt für ein freies Durchatmen. Auch ist es wichtig, dass man sich nicht überfordert. Die Produktivität mag in vielen Punkten ein Kunstmittel für Leistung sein, sollte aber niemals die Psyche angreifen und einen ins Aus schießen. Wichtig ist es daher, dass ToDo-Punkte nicht zu häufig und zu penetrant aufpoppen und als Push-Drohung bei uns ankommen. Jeden Tag die gesamte Welt regeln? Das kann nicht funktionieren und daher sollte man sich für den Tag ein Pensum an Aufgaben festlegen – das kann in Zeit aber auch in der Masse an Aufgabenpunkte geschehen. Noch viel wichtiger ist es aber Pausen zwischen Aktivitäten einzulegen – wo wir auch wieder bei dem Tagespensum wären. Und besser ist es manchmal einfallende Aufgaben gar nicht aufzuschreiben, sondern sie verstreichen zu lassen – glaubt mir. Manche Dinge sind nicht wichtig, wenn man sie nochmals überdenkt.

Wir müssen nicht rennen und schneller sein, um vor den anderen Mitmenschen ins Ziel zu kommen, denn jeder hat ja ein anderes Ziel, oder? Was der eine kann, muss der andere nicht können und was der eine hat, muss man selbst vielleicht gar nicht haben. Soziale Apps wie Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest und Co. verleiten einen zum Betrachten und Konsumieren. Dies schafft Anreize und zeitgleich auch neue Idee die dann Aufgaben mit sich bringen. Man muss also abwägen. Man muss filtern. So sehr uns also manchmal das Verweilen in der Socialwelt aus dem Alltag zieht, so sehr lenkt es uns in der Realität ab und lässt dabei auch sichtbar wichtige Zeit verstreichen. Manchmal sollte man ToDo-Listen und das Smartphone daher vielleicht auch einfach mal ausmachen – auf Nicht-Stören setzen und bei Seite legen. Denn da draußen passieren die wichtigen Erlebnisse – die oft auf keiner Liste auftauchen, geschweige denn irgendwie festgehalten werden.

Manche halten einen ausgefüllten Terminkalender für ein ausgefülltes Leben.

∼Gerhard Uhlenbruck ∼


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