DSC_0003_Fotor Das Anschlussdebakel

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Listen_on_Apple_Podcasts_sRGB_DE Das Anschlussdebakel

Die Computerindustrie ist eine Industrie voller Zweifel und Widersprüche in sich. Das bedeutet einmal, dass man seit Jahrzehnten nicht an einem Strang zog und zweitens, dass man dadurch weltweit nicht auf einen Nenner kam. So zieht jeder Computerhersteller und Zubehörhersteller seit Jahren schon sein ganz eigenes Ding durch. Auch Apple ist davon nicht auszunehmen, auch wenn sie immer versuchten einen Nenner für alle zu finden. Nicht nur, dass sich Computer permanent veränderten, auch die Peripheriegeräte erhielten immer neue Anbindungsschnittstellen. Unsere Computer wurden in den letzten Jahren vor allem immer portabler. Was früher noch einen schweren Bleiakku besaß und womit man sich fast einen Bruch hob, trägt man heute mit der gleichen Rechenpower in der Hosentasche mit sich rum. Je mobiler die Computer wurden, so absurder wurde allerdings der Wandel der Anschlussmöglichkeiten. Mit dem neuen MacBook Pro 2016 verfolgt Apple wieder einen neuen Weg und damit ist das Anschlussdebakel wahrlich perfekt.

Ein Computer war in seiner frühen Phase immer ein stationäres Gerät mit der Eigenschaft möglichst viele Peripheriegerät über Anschlüsse entgegen nehmen zu können. Einer der bekanntesten Anschlüsse ist hier der USB-Port. Der USB-Port wurde 1996 in seiner Auflage 1.0 eingeführt und schaffte zu damaligen Zeiten einen Datendurchsatz von stolzen 12 Mbit/s. Zu dieser Zeit waren dies aber keine renommierten Werte, denn der Speicherplatz eines Computers betrug im Durchschnitt knappe 30 Gigabyte. Festplatten, Urzeitmonster der Technologie, waren der Antrieb in jedem stationären Computer und drehen sich auch heute noch, wenn auch nur noch als langsame aber große Volumenmonster. In dem die Festplatte im Laufe ihrer Zeit immer mehr an Volumen zulegte und auch extern angeschlossen wurde, musste irgendwann auch der USB-Anschluss mitziehen. USB 2.0 verschaffte Computern ab dem Jahr 2000 eine Schnittstelle mit einer möglichen Datenrate von 480 Mbit/s. Man konnte schlicht nie genug von diesem Anschluss haben, weshalb man Computer oftmals mit einer PCI-Karte erweiterte. USB 3.0 machte alles noch einen Tick schneller und bot fortan einen Datendurchsatz von 5 Gbit/s an. Apple startet erst mit USB 1.1 in diesem Sektor durch und bot diesen Anschluss erstmals in einem iMac an. Durch diesen Einsatz ersetze Apple seinen hauseigenen ADB-Anschluss – der Apple Desktop Bus. Dieser Anschluss, und das wissen die wenigsten, gilt als der Vorreiter des USB-Anschlusses. Apple hatte schon früh den Gedanken, den Computer extern erweitern zu können und verfolgte diesen Gedanken immer weiter. Der ADB-Anschluss wurde auch in der Windowswelt zu einem Standard und war oftmals an Mäusen und Tastaturen zu finden. Der USB-Anschluss entwickelte  seit seiner Entstehung eine Vielfalt an Anschlussarten und diese wurden stetig absurder. Nicht nur, dass man die Spezifikation eines Kabels unter USB 1.0, 1.1 und 2.0 stetig beachten musste, um den richtigen Datendurchsatz zu erhalten, auch die Anschlussarten wurden immer verrückter. Drucker erhielten eine USB-B-Buchse, Computer eine USB-A-Buchse, mobile Geräte setzten erst auf Mini-USB und später auf Micro-USB. USB-Typ-B wandelte sich mit der Spezifikation USB 3.0 zu einem neueren und doppelt so hohen USB-Typ-B-Anschluss und Micro-USB-Typ-B steht heute an so mancher externen Festplatte als Anschluss bereit. Wir hatten wirklich jahrelang ein Anschlussdebakel, das wir mit USB-C nicht mehr zu sehen scheinen. Im Gegenteil, der Aufschrei ist nun noch größer und das völlig unüberlegt.

Apple begann schon 1986 mit der Entwicklung eines Anschlusses, der externe Geräte schnell und einfach an einen Computer anbinden kann. Der FireWire-Anschluss ist daher ebenfalls eine Erfindung aus dem Hause Apple und war ab 1990 in den ersten Macintosh Computern verbaut. Auch die Windowswelt setzte nach und nach auf diese Anschlussart. Camcorder konnten dadurch schnell und einfach ihr Videomaterial an einen Computer übertragen. Aus dem FireWire 800 wurde allerdings schnell FireWire 400. Das brachte höhere Datenraten aber auch einen kompletten Anschlusswechsel mit sich. Heute spricht kaum noch jemand von FireWire, denn die Welt setzt auf ganz andere Anschlussarten.

2011 schob sich Apple mit Intel in einen neuen Markt und zugleich in einen neuen Anschlusswandel. Thunderbolt sollte alles besser machen, war zweieinhalbmal mal so schnell wie USB 3.0, konnte externe Geräte in Ketten zusammenführen und bediente sich der Kompatibilität mit dem DisplayPort-Anschluss. Thunderbolt 2 warf nochmals eine Schippe drauf und bat fortan eine maximale Durchsatzrate von 20 GBit/s. Doch auch Thunderbolt 2 ist vor kurzer Zeit gestorben, denn Thunderbolt 3 ist sein Ablöser. Dieser Anschluss bedient sich nun allerdings einem ganz anderen Formfaktor als sein Vorgänger. Von außen sehen USB-Typ-C und Thunderbolt 3 nämlich identisch aus, denn sie bedienen sich beide der gleichen Buchse und dem gleichen Stecker. Das ist auf der einen Seite gut, auf der anderen Seite aber auch zugleich verwirrend. Der Benutzer muss in diesem Punkt erst einmal wissen, was er genau an seinem Computer vorfindet. Sprich, eine USB-C-Buchse ist nicht gleich auch eine Thunderbolt-3-Buchse. Es gilt hier also ganz genau hinzusehen und zu unterscheiden. Doch nach der Präsentation des neuen MacBook Pro schoß mir ein Blitzgedanke durch den Kopf.

Apple hat gerade den USB-A-, den Thunderbolt-1+2-, den HDMI-, den MagSafe-Anschluss und den SD-Kartenslot gekillt und niemand hat es gesehen.

Und mit dem gleichen Gedanken im Kopf hörte man zugleich auch das Geschrei der Menge. Ein Gerät mit nur vier gleichen Anschlussarten, die mit einem Adapter betrieben werden müssen, sollte man Hardware mit älterer Anschlussart anschließen und nutzen wollen. Was soll an solch einen Gerät nur als „Pro“ deklariert werden, wenn man alle vorherige Hardwareanschlussarten mit solch einem Gerätekonzept auf einen Schlag obsolet macht? Ganz ehrlich? Apple handelt richtig und wir haben derzeit das erste mal eine ernsthafte Chance dem stetig wiederkehrenden Anschlussdebakel zu entkommen – wirklich!

USB-C hat einen beidseitig verwendbaren Formfaktor. Egal wie rum du ein Kabel dieser Art hältst, du steckst es nie verkehrt in die dazugehörige USB-C-Buchse. Wir kennen diese Art der Nutzung seit 2012 vom iPhone 5 – was den gleichen Aufschrei auslöste. Fakt ist, heute redet auch keiner mehr über den Dockconnectoranschluss. Viel Geschrei um nix. Fakt ist auch, in 5 Jahren reden wir auch über keinen Kopfhöreranschluss mehr, denn USB-C ebnet auch hierfür den Weg. Für Apple funktioniert die Welt kabellos, daher hat ein MacBook schon lange keinen Ethernetanschluss mehr, sondern setzt auf Wi-Fi. Und daher entwickelt Apple auch eigene Chips wie den W1-Chip, um Bluetoothverbindungen effizienter zu machen und Kabel vergessen zu lassen. In vielen Punkten funktioniert diese kabellose Welt allerdings noch nicht und genau hier setzt USB-C an.

Diese Anschlussart ist der erste logische Schritt einer gesamten Industrie und Apple zieht hier im Mac-Bereich nun konsequent mit am Strang. Wir sollten kein Sammelsurium an Kabel mehr haben, denn die hatten wir die letzten Jahren zu genüge. Es gilt eine Buchse und ein Kabel zu haben. Zwar werden uns dahinter noch einige Spezifikationsänderungen erwarten, doch das Problem hinter den Anschlussarten erledigt sich mit diesem Schritt nach und nach. USB-C mit USB 3.1 Generation 2 hat den Vorteil Daten und Strom in einem Zug übertragen zu können – und zwar maximal 100 Watt und mit 10 Gbit/s. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis auch der HDMI-Anschluss durch USB-Typ-C ersetzt wird und auch TV-Geräte im Wohnzimmer auf diesen Anschluss setzen – denn wieso nicht auch Video- und Audiosignale künftig so transportieren und dem angeschlossenen Gerät über die gleiche Verbindung den nötigen Strom liefern?! Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die ersten Kopfhörer mit USB-C aufschlagen und den fossilartigen Kopfhöreranschluss an allen anderen Geräten zu Grabe tragen. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir endlich auf einen Nenner kommen können und damit der hirnrissigen Anschlussfragmentierung ein Ende setzen müssen. Wir sollten erst versuchen den Sinn hinter einem Wandel zu sehen, bevor wir einen Aufschrei verursachen und uns mit Adaptern beschäftigen. Ein Adapter ist schlicht eine Hilfeleistung für einen bestimmten Zeitraum. Ein Zeitraum, in dem ein Umdenken angestoßen und ein Umstieg in Gang gesetzt wird. So ist jeder Adapter schlicht ein Mittel zum Zweck, aber nicht zum endgültigen Erfolg.

Wenn ich 15 Jahre zurückblicke überkommt mich ein Schmunzeln. Ich übertrug per Infrarot Bilder von meinem damaligen Nokia-Handy über einen Infrarothub zum Computer, schob Dateien über Nacht auf eine externen Festplatte, weil die Übertragung zu langsam war, setzte am Fernseher voll auf einen Scart-Mehrfachstecker und freute mich mit 128kb/s eine Videodatei aus dem Internet laden zu können. Uns geht es heute doch schon wirklich gut, oder nicht? Ja, wir erlebten natürlich viele Wandel mit und der permanente Anschlusswandel war wirklich nur einer davon. Man sieht, wir hatten schon immer das ein oder andere Anschlussdebakel. Zeiten ändern sich und Technologien zeitgleich mit. Was wir vor fünf Jahren als alltäglich betrachteten und durchführten, gilt heute schon als überholt und rückständig. Von FireWire weiß heute kaum noch jemand was, von Dockconnector der ein oder andere noch und der Kopfhöreranschluss wird ebenfalls bald in diesem trüben Nebel verschwinden. Unsere Computer werden immer mobiler und zugleich leistungsfähiger. Es ist daher gar keine Überraschung, dass diese auf so wenige Anschlüsse wie nötig setzen, um sich selbst nicht zu überladen, sondern eine permanente Evolutionsreihe durchlaufen zu können.

Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.

– Johann Wolfgang von Goethe 


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